Der Titel

Die Credits

Still aus "Acid Maria", 2011

© Sohyun Jung und Steffen Zillig

Still aus "Acid Maria", 2011

© Sohyun Jung und Steffen Zillig

Still aus "Acid Maria", 2011

© Sohyun Jung und Steffen Zillig

Komprimierter Ausschnitt aus "Acid Maria"

© Sohyun Jung und Steffen Zillig

Paul Geisler und Ulf Freyhoff in ihrer Werkstatt

Foto: art-magazin.de

Acid Maria

Davin Art Space06.12.2013

Hommage an ein zerschossenes Jahrzehnt, Versuch über eine lebende Legende und immer noch glauben an: das Porträt.

-

Der Videoloop ist ein Gemeinschaftsprojekt mit Sohyun Jung. Gezeigt wurde es bislang meist in einem eigens dafür präparierten digitalen Bilderrahmen. Es zeigt eine sich drehendes, dreidimensionales Porträt von Ulf Freyhoff, zusammengesetzt und gefaltet aus ebenso detailreichen wie fragmentierten Fotografien. Freyhoff ist nicht nur Hamburger Vorreiter digitaler Kunst, sondern mit Kom­pa­g­non Paul Geisler auch längst Legende für jene, die glauben, dass zwischen zwischen zeitgenössischer Kunst und Hacker-Kultur weit mehr produktive Schnittmengen zu finden sind, als bislang freigelegt wurden.

Ausgestellt war die Arbeit unter anderem in "To beginn is to be half done" im Davin Art Space in Busan (Südkorea) und auf dem Maschine-Raum-Festival for Video Art and Digital Culture im dänischen Vejle.

Auf Vimeo ist eine komrimierte Version des Loops zu sehen.

-

Im Rahmen der Ausstellung "Yesterday Paradiese" im Düsseldorfer Kunstverein verfasste Dominic Osterried einen Beitrag in Bezug auf Paul Geisler und Ulf Freyhoff, der sich mit anderen Texten und Bildern der beteiligten Künstler zu einem rund 20 Meter langen Druck zusammensetzte.

Faltblatt zur Ausstellung "Kreativität abrüsten"

Courtesy Galerie BRD

Faltblatt zur Ausstellung "Kreativität abrüsten"

Courtesy Galerie BRD

Faltblatt zur Ausstellung "Kreativität abrüsten"

Courtesy Galerie BRD

Faltblatt zur Ausstellung "Kreativität abrüsten"

Courtesy Galerie BRD

Faltblatt zur Ausstellung "Kreativität abrüsten" (aufgeklappte Rückseite)

Courtesy Galerie BRD

Ausstellungsansicht von "Kreativität abrüsten", links Arbeit von Johannes Bendzulla

Foto: Johannes Bendzulla

Detail aus der Arbeit von Johannes Bendzulla

© Johannes Bendzulla

Ausstellungsansicht von "Kreativität abrüsten", rechts Arbeit von Steffen Zillig

Foto: Johannes Bendzulla

Dia aus der Arbeit "Kreative Klasse" von Steffen Zillig

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Kreativität abrüsten", links Arbeit von Steffen Zillig, hinten Geimeinschaftsarbeit von Dominic Osterried, Tilman Walther und Steffen Zillig

Foto: Johannes Bendzulla

Ausstellungsansicht von "Kreativität abrüsten", links Arbeit von Korpys/Löffler, rechts Arbeit von Thomas Demand

Foto: Johannes Bendzulla

Aussenansicht der Galerie BRD in der Grindelallee Hamburg

Foto: Johannes Bendzulla

Blick durch das Schaufenster der der Ausstellung "Es beginnt vor der Tür"

Courtesy Galerie Max Mayer

Ausstellungsansicht von "Es beginnt vor der Tür", Arbeit von Christin Kaiser

Courtesy Galerie Max Mayer

Ausstellungsansicht von "Es beginnt vor der Tür", rechts Arbeit von ST Paul

Courtesy Galerie Max Mayer

Ausstellungsansicht von "Es beginnt vor der Tür", Arbeit von Andrzej Steinbach

Courtesy Galerie Max Mayer

Ausstellungsansicht von "Es beginnt vor der Tür", Arbeit von Andrzej Steinbach und Steffen Zillig

Courtesy Galerie Max Mayer

Kreativität abrüsten

Galerie BRD21.04.2013

Wir können unserer Zeit nicht länger mit losgelösten ästhetischen Ideen begegnen. Ende der Ironie, notfalls mit Gewalt. Die Galerie BRD ist eine von Steffen Zillig mitinitiierte Künstlergalerie ohne festen Raum. In wechelnder Besetzung organisiert sie Ausstellungen an verschiedenen Orten.

-

Die erste dieser Ausstellung war "Kreativität abrüsten". Sie fand im April 2013 in einem ehemaligen Ladenlokal in der Hamburger Grindelalleee statt. Zur Ausstellung erschienen zwei seperat publizierte Texte von Andreas Reckwitz und Steffen Zillig, der von Letzterem stand unter der Überschrift "Wir können unserer Zeit nicht länger mit lösgelösten ästehtischen Ideen begegnen". Er erschien im Herbst 2013 außerdem unter dem Titel "Kreativität abrüsten" in der Zeitschrift Kultur & Gespenster, Ausgabe 14.

Zur Ausstellung "Kreativität abrüsten" gehörten Arbeiten von Johannes Bendzulla, Thomas Demand, Korpys/Löffler und Steffen Zillig, der sie gemeinsam mit Dominic Osterried, Yann-Vari Schubert, Tilman Walther auch entwickelte.

Auf diese Ausstellung folgten "Es beginnt vor der Tür" in der Düsseldorfer Galerie Max Mayer und "Das Gespenst in der Maschine" in der Hamburger Galerie Dorothea Schlüter. Steffen Zillig verließ die Galerie 2015 aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über ihre Ausrichtung.

-

Auszüge aus "Wir können unserer Zeit nicht länger mit losgelösten ästhetischen Ideen begegnen":

[...]

Denn nirgends besteht ja tatsächlich das Risiko von strukturellen Brüchen, wo eine angenehm abwechslungsreiche Schleife sinnlicher Affekte den Laden auf Betriebstemperatur hält. Und eben dieser Zustand markiert den entscheidenden Unterschied zum Kontext, in dem Walther und Kollegen agierten. Die von ihm für seine Arbeit beanspruchte Bedeutungsflexibilität war noch ganz innerhalb einer modernen Fortschrittsgeschichte zu verbuchen. Was das für die Qualität des Neuen im Diskurs zwischen Künstler und Betrachtern bedeutete – und wie sehr sie sich von der permanenten Innovationsmaschine heute unterscheidet – spiegelt sich im ausgesprochenen Ernst auf beiden Seiten, den die kurze Filmsequenz einfangen konnte. Es ist dieser spürbare Ernst, die eindringliche Überzeugungsarbeit des Künstlers, die offenbare Betroffenheit des Publikums, die irgendwo im Prozess der Professionalisierung von ästhetischer Innovation verloren ging. Wer es noch deutlicher braucht, der kann in der Kunsthalle auch eine von Walthers stählernen »Standstellen« betreten und die Leere fühlen. Wir kommen nicht umhin: Der Kampf ist vorbei!

Schlimmer noch: Es ist gerade eine gewisse Bedeutungsflexibilität, die künstlerischen Arbeiten heute zur Marktreife gereicht. Verzichten sollten sie auf allzu spezifische Symbolik oder gar Bedeutung – gefragt ist vielmehr die prinzipielle Fähigkeit, unterschiedliche Bedeutungen anzunehmen, nach Bedarf. An die Künstler geht die unausgesprochene Bitte, sich nur ja nicht festzulegen. Inhaltliche Indifferenz gehört nicht nur zum Anforderungsprofil des Marktes, sie ist ebenso kennzeichnend für jene kuratorenoptimierte »Bestellkunst«, die Nairy Baghramian vor Kurzem in ihrem vielbeachteten Aufsatz Le Mépris beklagte. Der gemeinhin beschworene Widerhaken zeitgenössischer Kunst – das Neue – begegnet uns heute als philosophisch leergelaufener Loop, als Dauerschleife ästhetischer Variationen und die weiterhin ausgerufenen »Regelbrüche« und »Subversionen« als verblasstes rhetorisches Dekor.

[...]

Eher und eigentlich fragwürdig ist diese unerträgliche Leichtigkeit, in der sich die Gegenwartskunst eingerichtet hat. Das von lästigen Bedenken »befreite« Aufspielen in Produktion und Rezeption, als hätte es dort nichts mehr von Bedeutung, nichts das den Ernst des Lebens, nämlich einer von ihm getriebenen Auseinandersetzung lohnte. Als gäbe es tatsächlich weder Anliegen noch Aussagen außerhalb der Formatierung des Neuen, außerhalb ihrer luftigen Kategorien des Interessanten, Überraschenden oder Originellen. Folgerichtig scheint, dass all dies sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur gleichermaßen unerträglichen »neuen Leichtigkeit« der nun wieder mit unbeschwertem Dummstolz aufspielenden Berliner Republik etablieren konnte. Hier wie dort hat man sich der lästigen Haltung entledigt, seinen Gegenstand als problematisch zu empfinden. Nur bleibt Deutschland genauso ein Problem, wie uns auf anderer Ebene die Kunst eines sein muss. Dümmer macht die erschlaffende Skepsis auf beiden Seiten.

Natürlich ist es eine dramaturgisch dankbare Unterstellung, es hätte solche Skepsis einmal in größerem Umfang gegeben. Wir können nur mutmaßen. Wir waren nicht dabei, als Walther sich mit dem Publikum anlegte. Wir schauen nur auf Dokumente, die mit einem eigenartig fernen Ernst ausgestattet scheinen.

[...]

Zu viel von der Rhetorik der Altgedienten geistert noch durch die Diskurse. Auch das Misstrauen gegenüber Handwerklichkeit, das in Demands fotografiertem Halbsatz anklingt. Sicher, es wäre genauso geschichtsvergessen, Handwerklichkeit wieder obenan auf die Liste der Qualitätskriterien zu hieven. Trotzdem bleibt festzuhalten: Mit ihrem Gegenteil ist auch nichts gewonnen worden. Es wäre vertane Zeit, den alten Punk ein weiteres Mal zum zeitgemäßen Widerstandsmodell upzugraden. Was ist kompatibler mit der vom Kreativitätsdispositiv affizierten Kultur der self-creation als DIY? Unter dem Regime des Neuen erscheinen die alten Hoffnungen auf gegenkulturelle Alternativen desavouiert.

[...]

Vorne aber dürfen wir der Gegenwart nicht länger mit losgelösten ästhetischen Ideen begegnen. Das ästhetisch Neue ist selbst schon korrumpiert, es hat sich als ultimativer Beschleuniger mit der herrschenden Ökonomie verschwistert. Wir können weder aussteigen, noch einfach mitspielen. Es wird darum gehen, das Neue wieder mit Bedeutung zu beschweren. Nicht mit leichten Antworten auf schwere Fragen, sondern in der tatsächlichen Verwicklung mit der Gegenwart. Ein gemeinsames ästhetisches Programm haben wir nicht verfasst. Einig sind wir uns nur darin, dass es einen Kontext braucht, in dem Produktion und Rezeption kein munteres Spiel ist zwischen den Koordinaten des Interessanten, Überraschenden und Originellen. Vielleicht sollte man einfach wieder behaupten, die Kunst wäre so ein Kontext.

Screenshot des Weblogs Donnerstag nach seiner Einstellung, 2015

Postkartenmotiv des Donnerstag, 2014

Postkartenmotiv des Donnerstag, 2014

Cover der Zeitschrift Polar, Ausgabe 20, 2016

Polar, Ausgabe 20, 2016, Seite 88

Polar, Ausgabe 20, 2016, Seite 90

Polar, Ausgabe 20, 2016, Seite 92

Polar, Ausgabe 20, 2016, Seite 94

Polar, Ausgabe 20, 2016, Seite 96

Für Facebook abgewandeltes Coverillustration einer Ausgabe des Buchs "Der Mann, der Donnerstag war"

Spektakulärer Realismus

Donnerstag15.03.2016

"Es ist auch sonst schade. Jetzt gibt es überall nur noch realistischen Spekulatius und er kommt uns schon zu den Ohren raus. Wegen Gruppenzwang mag aber immer keiner widersprechen, alle immer so och und nuja und muss man mal gucken. Come back Lucy!", Leserkommentar zum Ende des Donnerstag - Weblog für Kunst und Danach.

-

Seit seiner Gründung 2010 in Düsseldorf veröffentlichte der Donnerstag kontinuierlich Texte zu Kunst und Ausstellungen im deutschsprachigen Raum. Beinahe alle Autoren, und es waren im Laufe der Jahre viele unterschiedliche, publizierten unter Pseudonym. Über die Beweggründe zu diesem Vorgehen gab die Redaktion in Interviews Auskunft, so auf dem Weblog Artefakt.

Neben den Ausstellungskritiken führt der Donnerstag verschiedene Kolumnen: Der "Lesezirkel" versammelte interessante Artikel aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst in Form einer kurzen Presseschau. Die "Kurzmitteilungen" waren SMS-Miniaturen von Ausstellungskritiken, beschränkt auf 160 Zeichen. Und die "Sprechblase" archivierte Stilblüten aus Katalogdeutsch und Kuratorensprech.

-

Stimmen zum Donnerstag:

"Der Donnerstag führt als derzeit vermutlich bestes deutsches Kunstblog vor, welche Qualität hierzulande online erreicht wurde", Castor & Pollux

"Fundierte, vor allem aber nachvollziehbare Analysen und Ausstellungsbesprechungen, ohne unnötig aufgeblasenes Herumgeschwurbel, treffen auf Humor und Witz", Perisphere

"Der mit Abstand beste deutschsprachige Kunstblog ist der Donnerstag", Blitzkunst

-

2014 wurde der Weblog geschlossen. Die Geschichte dieser Entscheidung beschrieb Annika Bender in ihrem Beitrag für den Blog der Zeitschrift Merkur (siehe Eintrag "Tod einer Kritikerin"). Die letzten auf dem Donnerstag erschienen Artikel waren "#Neuland", eine Kritik der Ausstellung "Specilations On Anonymous Materials" sowie "Spektakulärer Realismus""Spektakulärer Realismus", eine Auseinandersetzung mit der Themenausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst zum Spekulativen Realismus. In einer leicht gekürtzten und Fassung erschien letztgenannter Text auch in der Zeitschrift "Polar - Politik, Theorie, Alltag", Ausgabe 20, Frühjahr 2016.

Auszug aus "Spektakuläerer Realismus" von Annika Bender:

[...]

Zu dieser ungebremsten Begeisterung gesellt sich in den abgedruckten Texten die Karikatur vermeintlich übermächtiger Gegner. Allen voran die von Kant. Der wird bei Shaviro zum Begründer eines orthodoxen Konstruktivismus, der uns heute dabei im Wege steht, über eine Welt jenseits des menschlichen Subjekts nachzudenken. „Kant meinte, dass wir nicht über Dinge spekulieren dürfen, die wir nicht erkennen können“, heißt es bei Shaviro bevor er im Namen Harmans einen „Weg der Spekulation“ dagegenhält. Dessen Ansatz: „Wir können die Objekte nicht kognitiv begreifen; aber wir können durch Metaphern oder andere ästhetische Praktiken auf Objekte hindeuten. Derart können wir Dinge wertschätzen, auch wenn wir sie nicht vollständig verstehen.“ Zumindest für Leser, die mit der Kritik der Urteilskraft vertraut sind, ergibt sich aus dieser Darstellung keine nennenswerte Opposition zu Kant. Gerade in der Ästhetik, nicht zuletzt beim Erhabenen begegnen uns ja Phänomene, die sich nicht vollständig erschließen, die uns sogar an die Grenzen des Vorstellbaren treiben. Auch das Schöne ist bei Kant Gegenstand einer Reflexion, die zu keinem Abschluss gelangt (also nicht erkennt), auf deren Unabgeschlossenheit aber keine Frustration, sondern – eben – Wertschätzung folgt. Und natürlich können wir auch mit Kant auf diese Dinge hindeuten – was anderes tut ein Künstler ihm zufolge?

[...]

Politisch ist dabei lediglich die Sprache, in der dann Kant einen Zweig der Philosophie gegenüber einem anderen „privilegiert“, als wäre es eine Frage von Gerechtigkeit. Auf diese Weise beschwört der Subtext des Artikels einen übermächtigen (kantischen) Mainstream, von dessen Unrecht uns die Spekulativen Realisten befreien. In der Politik würde man den kalkulierten Einsatz sachfremder Suggestionen demagogisch nennen. Aber wir befinden uns im Feld der Kunst, wo man eben auch der Philosophie eine „künstlerische Freiheit“ zugesteht. Und wie bei der Kunst gilt Radikalität dabei grundsätzlich als positives Attribut, auch und gerade, wenn sie rein formal betrieben wird. Schließlich ist generell zu bezweifeln, dass eine spekulative Philosophie jenseits von Subjekten sich die Veränderung von deren gesellschaftspolitischer Situation überhaupt sinnvoll zum Gegenstand machen kann. Shaviro bleibt seinen Lesern jedenfalls jedes Anzeichen dafür schuldig, sofern er auf Beispiele für Denkfiguren, die einen konkreten politischen Diskurs oder eine politische Fragestellung beträfen, vollständig verzichtet. Es bleibt bei der ominösen Ankündigung, würde man die Dinge nur spekulativ-ontologisch an sich denken, sich auch eine irgendwie neuartige Handlungsfähigkeit ergäbe, die über das bloße Wehklagen der Postmoderne hinausgeht.

[...]

Politisch ist dabei lediglich die Sprache, in der dann Kant einen Zweig der Philosophie gegenüber einem anderen „privilegiert“, als wäre es eine Frage von Gerechtigkeit. Auf diese Weise beschwört der Subtext des Artikels einen übermächtigen (kantischen) Mainstream, von dessen Unrecht uns die Spekulativen Realisten befreien. In der Politik würde man den kalkulierten Einsatz sachfremder Suggestionen demagogisch nennen. Aber wir befinden uns im Feld der Kunst, wo man eben auch der Philosophie eine „künstlerische Freiheit“ zugesteht. Und wie bei der Kunst gilt Radikalität dabei grundsätzlich als positives Attribut, auch und gerade, wenn sie rein formal betrieben wird. Schließlich ist generell zu bezweifeln, dass eine spekulative Philosophie jenseits von Subjekten sich die Veränderung von deren gesellschaftspolitischer Situation überhaupt sinnvoll zum Gegenstand machen kann. Shaviro bleibt seinen Lesern jedenfalls jedes Anzeichen dafür schuldig, sofern er auf Beispiele für Denkfiguren, die einen konkreten politischen Diskurs oder eine politische Fragestellung beträfen, vollständig verzichtet. Es bleibt bei der ominösen Ankündigung, würde man die Dinge nur spekulativ-ontologisch an sich denken, sich auch eine irgendwie neuartige Handlungsfähigkeit ergäbe, die über das bloße Wehklagen der Postmoderne hinausgeht.

[...]

Doch es gibt Hoffnung auf eine Kunst, die den Raum der menschlichen Erfahrung überwindet. Sie kommt aus Südkorea. Dort hat Künstler Hojun Song gerade einen funktionstüchtigen DIY-Satelietten ins All geschossen („to talk to god“). Vielleicht liegt die Zukunft der Kunst ja doch irgendwo da draußen. Und womöglich funktionierte die spekulative Theorie für eine Kunst ohne Erfahrung auch dort am Besten: in der von Rezipienten befreiten Weite des Universums. Imagine that!

Flyermotiv der Ausstellung "Beauty is not a crime" in der Galerie Genscher

© Koller / Zillig

Zimmerbrunnen (Made in philippines)

Ausstellungsansicht von "Beauty is not a crime", Mai 2010

Still aus Video "Beauty is not a crime", 2010

© Steffen Zillig

Still aus Video "Beauty is not a crime", 2010

© Steffen Zillig

Still aus Video "Beauty is not a crime", 2010

© Steffen Zillig

Burk Koller mit Ausstellungsobjekt: ein gefaltetes Spinnennetz

Foto: Elena Gezieh

Burk Koller mit Ausstellungsobjekt: ein gefaltetes Spinnennetz

Foto: Elena Gezieh

Besucher in der Galerie Genscher, Mai 2010

Foto: Elena Gezieh

Kopie von "Beaty is not a crime", Steffen Zillig, 2010. Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Steffen Zillig

Beauty is not a crime

Galerie Genscher08.05.2010

Der friedlichen Anmutung eines Schlafenden kann man sich schwer entziehen. Aber es gilt auch was Tucholsky schrieb: "Der, der Schlafende beobachtet, fühlt sich ihnen überlegen - das ist wohl ein Überbleibsel aus alter Zeit, vielleicht schlummert da noch der Gedanke: er kann mir nichts tun, aber ich ihm." Wer die wechselnd eingeblendeten Schlafräume in "Beauty is not a crime" betrachtet, sieht Wohnungen, die Arbeitsplätze sind. Zur Grazie des Schlafs: ein bittersüßer Beigeschmack.

-

Das Video wurde 2010 erstmals in der gleichnamigen Ausstellung im Hamburger Projekgalerie Genscher gezeigt, dort zusätzlich mit einem kleinen Zimmerbrunnen, der während während der Schau vor sich hinplätscherte. Die aus seinem Verpackungskarton (Aufdruck (Made in philippines) tönende „exotische Entspannungsmusik zum Stressabbau“ tat ihr Übriges dazu.

-

Die Doppelausstellung von Burk Koller und Steffen Zillig folgte einer Verabredung aus dem vorhergehenden Jahr, nach der eine sich zufällig auf eine Vernissage verirrte Broschüre eines Schönheitssalons Titel und Flyermotiv fest vorgab.

Einladungstext zur Ausstellung:

Der Reklamezettel einer Beautyfarm, der die Akteure im Sommer 2009 auf die morgige Ausstellung verlinkte, reklamierte nicht nur Schönheit (Gesichtspflege zu 69,90 € u.a.), sondern auch die ironisch gestutzte Geste der Befreiung für sich. Andererseits war „BEAUTY IS NOT A CRIME!“ ja auch mehr als ein trotziges Beharren irgendwelcher Kitschkonsorten, eher stillschweigendes Allgemeingut, großes Gegenteil und schwer zu widerlegen.

Ein knappes Jahr später: Burk Koller zeigt eine Plastik, Steffen Zillig zeigt bewegte Bilder.

Vortrag von Annika Bender, 19. November 2015 in der Kunsthalle Bern

Foto: Kunsthalle Bern

Vortrag von Annika Bender, 19. November 2015 in der Kunsthalle Bern

Foto: Kunsthalle Bern

Hannes Loichinger, Valerié Knoll und Annika Bender

Foto: Kunsthalle Bern

Plakatmotiv der rahmenden Veranstaltungsreihe in der Kunsthalle Bern

Grüße der Schaupielerin

Screenshot des Blogs der Zeitschrift Merkur

Tod einer Kritikerin

Kunsthalle Bern19.11.2015

Letzter Auftritt eines Pseudonyms und die Frage, warum die Kunst den Streit braucht, wenn sie nicht vereinsamen will - wider die trügerische Harmonie diskursiver Betriebsroutine.

-

Eine der geliehenen Identitäten für das Weblog "Donnerstag" war Annika Bender, ein Pseudonym, für das Dominic Osterried und Steffen Zillig gemeinsam verantwortilich zeichneten. Nach dem Ende des Blogs wurde Annika Bender von der Kunsthalle Bern eingeladen, einen Vortrag zur Kunstkritik und speziell zum Projekt einer anonymisierten Kunstkritik zu halten, so wie sie der "Donnerstag" praktizierte.

Der Vortrag wurde schließlich unter dem Titel "Jump! You Fuckers! - Kunstkritik als aktive Sterbehilfe" im Rahmen der Reihe "Open-Ended Issues – Eine Reihe zu Überproduktion und Ambivalenz in der zeitgenössischen Kunst" am 19. November 2015 in der Kunsthalle Bern gehalten. Bender ging darin nicht nurn auf die Bedingungen ein, die die Gründung des Blogs motivierten, sondern erklärte das dahinter stehende Prinzip des versteckten Kritikers auch für gescheitert. Schließlich kündigte sie ihren Autoren offiziell und verabschiedete sich von der Bühne der Kritik. In der Rolle der Annika Bender fungierte Schauspielerin Anne Schäfer. Valerié Knoll hatte die Veranstaltungsreihe gemeinsam mit Hannes Loichinger konzipiert, der auch die an den Vortrag anschließende Diskussion mit Künstler und Kunstkritiker Stefan Sulzer leitete.

-

Am 17. Februar 2016 veröffentlichte der Blog des "Merkur - Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" eine gekürzte Version des Vortrags. Dabei wurden erstmals auch die Namen der beiden Autoren preisgegeben. Der Text ist dort online abzurufen. In der vollständigen Fassung soll er Ende 2016 in einem Sammelband der Kunsthalle Bern erscheinen.

-

Auszüge aus der Merkur-Fassung:

[...]

Die Idee von Donnerstag war es, auf dem Unterschied zwischen guter und schlechter Kunst zu insistieren. Wenn die Gemeinschaft der zeitgenössischen Kunst von außen kaum mehr ansprechbar ist, weil sie die pauschale Kritik der Zaungäste systembedingt als Bedrohung missverstehen muss, sollte eine spezifische Kritik beim Gegenstand ansetzen – bei der Kunst, deren zeitgenössisches Format nun mal die Ausstellung ist. Unsere Überlegung war, dass eine solche Kritik am effektivsten wäre, wenn sie von einem hybriden, nicht lokalisierbaren Standpunkt aus geübt würde. Weder von draußen, noch von drinnen, sondern von einem nicht fassbaren Sowohl-als-auch.

Käme die Kritik von draußen, würde man sie rasch unter die Häme der Zaungäste subsumieren. Bücher oder Feuilletonartikel, die das Kunstsystem als ganze kritisieren, ereilt dieses Schicksal. Sie finden, ganz unabhängig vom Grad ihrer Plausibilität, keinen Widerhall in der Gemeinschaft und bleiben deshalb ohne Wirkung. Kommt die Kritik erkennbar von Innen, kann sie mit den hauseigenen sozialen Mitteln rasch entschärft werden. Denn lassen sich die Fragen „Wer hat sie geschrieben?“ und „Zu welchem Teilnetzwerk gehört der Autor?“ beantworten, ist dieser a) nur neidisch b) frustriert oder gehört c) zu einer konkurrierenden Untergruppierung.

[...]

Für mich war die Sache damit erledigt. Erik Stein war als Pseudonym schon ein paar Monate vorher ausgeschieden. Jetzt reichte es auch mir. Nüchtern aber bestimmt erklärte ich den Autoren, die unter meinem Namen firmierten, dass sie nun selbst an der Reihe wären. Obwohl der Donnerstag fast ausschließlich von der Kunstwelt rezipiert wurde – es gab zumindest keinerlei Hinweise darauf, dass irgendjemand Anderes ihn lesen würde –, war er eben nicht Teil der Gemeinschaft, sondern umso mehr Zaungast, je präziser und differenzierter er wurde. Für mich, die immer Außenstehende war und bleiben wollte, war das Experiment damit gescheitert.

Wenn also die Künstler, denen ich in den vergangenen Jahren als Maske diente, künftig etwas zu meckern haben, rate ich ihnen dringend, ihre eigenen Namen zu riskieren. Es kann nur etwas passieren, wenn Künstler endlich anfangen, ihre eigenen Kollegen offen zu kritisieren. Das Künstlergespräch muss raus aus den schummrigen Raucherecken. Wovor habt Ihr Angst? Konflikt? Streit? Zersplitterung? Ja bitte, unbedingt! Es ist nicht nur langweilig, sondern fahrlässig, wenn alle gemeinsam als Verbündete und Verteidiger eines einzigen großen Kunstkosmos begreifen. Sucht Euch meinetwegen ein Umfeld, sucht Euch ein Leben außerhalb der Kunst und immunisiert Euch gegen den Gruppendruck. Aber vor allem: Fangt endlich an, Euch als öffentliche Akteure zu begreifen, deren erkennbare und offen ausgetragene Differenzen lebensnotwendig sind für das, was man früher einmal das Gespräch über die Kunst genannt hat: den Diskurs.

Ausstellungsansicht, 2013 in der Galerie BRD

Foto: Jens Franke

Ausstellungsansicht, 2013 in der Galerie BRD

Foto: Jens Franke

Ausstellungsansicht, 2013 in der Galerie BRD

Foto: Jens Franke

Ausstellungsansicht, 2013 in der Galerie BRD

Foto: Jens Franke

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 78/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 79/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 80/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 81/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 1/81

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht, 2014 im Ve.Sch

Foto: Johannes Bendzulla

Ausstellungsansicht, 2014 im Ve.Sch, rechts eine Arbeit von Johannes Bendzulla

Foto: Johannes Bendzulla

"Unbekannter Römer", Farbdruck von 2011, Ausstellungsansicht, 2014 im Ve.Sch

Foto: Johannes Bendzulla

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 15/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 16/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 17/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 18/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 19/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Kreative Klasse", Rondell-Bild 20/81

© Steffen Zillig

Gruppenbild 2014 mit Johannes Bendzulla, Steffen Zillig und Franz Zar

Foto: Johannes Bendzulla

Gruppenbild 2013 mit Timan Walther, Steffen Zillig, Yann-Vari Schubert und Dominic Osterried

Foto: Jens Franke

Kreative Klasse

Ve.Sch Wien17.07.2014

Unangenehm ist die kreative Mobilmachung des Kleinbürgertums vermutlich auch deshalb, weil mit ihr die politische Verachtung für eben jene greller leuchtet als zuvor. Eine Arbeit zum sozialen Stress des kreativen Imperativs und dem ambivalenten Privilegium geschmacklichen Ekels.

-

Die Installation besteht aus einem Dia-Rondell mit 81 Einzelbildern, einem Videoloop und einer Tonspur, die auf eine Komposition von Bert Wrede zurück greift. Sie inszeniert vor der Kulisse einer bekannten deutschen Friseurkette (Claim: "Sex, Luxus und ein guter Haarschnitt") eine dialektischen Bildfolge aus Individualisierung und Anonymisierung. Und sie entdeckt unter dem akademisch geprägten Prekariat des kreativen Milieus ein weiteres Kreativprekariat lackiert in gelb, neonblau und blond.

Aufgeführt wurde die Installation im Rahmen der ersten Ausstellung der Galerie BRD in der Grindelallee in Hamburg ("Kreativität abrüsten", 2013) sowie in der Ausstellung von Johannes Bendzulla und Steffen Zillig 2014 im Kunstraum Ve.Sch in Wien. Sie trug den Titel "No more business as usual" und folgte einer Einladung von Franz Zar.

Motiv der Einladungskarte zur Ausstellung bei Benzulli, November 2012

© Steffen Zillig

Cover-Motiv von Freiexemplar Nr. 7, "Lassuns die Hoffnung vergraben"

© Steffen Zillig

Still aus dem Video "King of Pop, offline", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Pessimismus organisieren" bei Benzulli Düsseldorf, November 2012

© Steffen Zillig

Still aus dem Video "HIStory Tour", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Still der Projektion einer Live-Abfrage von 4chan, Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Pessimismus organisieren" bei Benzulli Düsseldorf, November 2012

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Pessimismus organisieren" bei Benzulli Düsseldorf, November 2012

© Steffen Zillig

SW-Druck "Thread No. 378075059 (Transcript Of Evidence No. 97", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

SW-Druck "Thread No. 378073322 (Rules Of The Internet)", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Still aus dem Video "Footnote To The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Still aus dem Video "Footnote To The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Dia-Foto Nummer 4 aus der Dia-Sequenz "The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Dia-Foto Nummer 5 aus der Dia-Sequenz "The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Dia-Foto Nummer 6 aus der Dia-Sequenz "The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Dia-Foto Nummer 7 aus der Dia-Sequenz "The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Dia-Foto Nummer 8 aus der Dia-Sequenz "The Children", Teil der Installation "Pessimismus organisieren"

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Pessimismus organisieren" bei Benzulli Düsseldorf, November 2012

© Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Pessimismus organisieren" bei Benzulli Düsseldorf, November 2012

© Steffen Zillig

Dokumentation der Ausstellung. Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Steffen Zillig

Pessimismus organisieren

Benzulli Düsseldorf09.11.2012

Das Ende des Pop, die Zombifizierung von Michael Jackson und die lichtlose Vision einer plündernden und geplünderten Kindheit, einer pessimistischen Bewegung gegen alles.

-

Nach einer ersten Präsentation an der HFBK Hamburg wurde die Multimedia-Installation im November 2012 im Ausstellungsraum Benzulli in Düsseldorf in einer räumlich erweiterten Fassung gezeigt. Sie besteht aus einem Arrangement dreier Videos mit Tonspur, einem Dia-Rondell mit 81 Bildern sowie einem Script, das die anonyme Plattform 4chan abfragt und Teile daraus live präsentiert.

Eine Dokumentation der Ausstellung ist auf Vimeo zu sehen. Das dafür notwendige Passwort gibt es auf Anfrage.

-

Zur Ausstellung erschien ein begleitender Essay von Steffen Zillig in der Reihe "Freiexemplar" unter dem Titel "Lass uns die Hoffnung begraben" im Material Verlag Hamburg. Die ersten beiden Auflagen sind leider vergriffen.

Ausüge aus "Lass uns die Hoffnung begraben":

Es geht nicht darum den Teufel an die Wand zu malen, aber der Gegenwart sitzt der Schrecken in den Gliedern. Nicht dass wir Angst litten oder in Panik gerieten; es ist ein schwerfälliger Schrecken, er sitzt tief, er lässt uns schaudern.

Der erzählerische Modus unserer Zeit ist die Katastrophe. Nicht dass sie wahrscheinlich wäre – vielleicht wahrscheinlicher – aber vor allem ist sie attraktiver als sagen wir 1996. Vielleicht, weil sie das letzte Narrativ ist, das überhaupt noch ein glaubwürdiges Kollektivszenario entwerfen kann. Alles andere ist doch Humbug:die Demokratie, das Menschenrecht, das Proletariat.

Als ich denken lernte, sagen wir 1996, lagen die großen Entwürfe gerade im Sterben. Irgendeine Vorgängergeneration hatte das verbindende Narrativ verschlampt und auch wir hatten andere Sorgen. Aber es ist ungesund das Leben als eine Abfolge isolierter, cooler Momente zu betrachten. Entweder es entstehen Geschichten oder es gibt keinen Weg hindurch: Wir stecken fest im Leben.

Es geht nicht darum, sich zu beschweren, es geht auch nicht darum, sich eines Besseren zu besinnen. Politik ist Bullshit, das habt ihr nun davon. Die vorderste Disziplin der Postmoderne ist es, Widersprüche auszuhalten. Darin sind wir Meister. Auch den Schrecken halten wir, wie man einen Ton hält – wir haben kein Problem damit, es ist unsere Musik.

[...]

Wir haben nichts erlebt. Nichts von Bedeutung jedenfalls. Nichts, was nicht tief auf den Böden unserer persönlichen Gewässer wurzeln würde. Aber gesehen haben wir alles und vormachen kann man uns eh nichts mehr. What has been seen cannot be unseen. Wir wachen erleuchtet vor unseren Bildschirmen und ändern wird sich nichts, solange es keine Toten gibt. Und wer will das schon? Da ist nichts was ein Sterben lohnte. Hat nicht gar der Tod von seinem Glanz verloren? Wie schön klang das noch bei Cioran: Nirgends blüht der Selbstmord stärker als im Lächeln.

Es gibt eine South Park Episode in der halb Amerika seine Verbindung zum Internet verliert. Katastrophe, natürlich, und Massenpanik: die Familien sammeln ihr Hab und gut zusammen und flüchten in die Valleys von Kalifornien, wo man noch Reste des Netzes vermutet. In Zeltlagern kommen die Verzweifelten zusammen, auch die Familie von Stan. Dessen Vater Randy, vom Ausfall besonders gepeinigt, sucht dringend Zugang zur Netzpornografie. Einen Wachmann, der ihm ein Magazin empfiehlt, fleht er an: „I got used to being able to see anything at the click of a button, you know. Once you jack off to Japanese girls puking in each other‘s mouths, you can‘t exactly go back to Playboy!“ Genau das ist der Punkt. Wir haben alles gesehen und ein Zurück zu Versprechen und Verheißung gibt es nicht.

So wie die dinge liegen, gibt es nicht mal mehr die Fantasie einer normativen Dimension. Jede Setzung ist immer schon im Ansatz diskreditiert. Jeder Versuch von Größe, jedes Pathos ein Trauerspiel. Weltverbesserung ist Angelegenheit von Popstars, so haben wir es gelernt. Und an Pop glauben wir so wenig wie an die Möglichkeit der Besserung. Die Welt ist keine Besserungsanstalt, sie ist ein Ort der Verwahrung. Hauptsache wir haben Internet.

[...]

Wenn man seine Kindheit googelt, könnte man meinen, es war einmal. Zumindest hatte man uns noch Geschichten erzählt und wir glaubten der Moonwalk führe zum Mond. Aber Jackson war damals schon nicht ernst zu nehmen. Erwachsene hörten Prince. der König war für Kinder. Eine inthronisierte Version dessen, wie man ihnen die Dinge schmackhaft machte: Ein leeres Zeichen. Jackson ist die Ikone leergelaufener Selbstreferenzialität, er war sein eigenes Lookalike. Mit ihm aufzuwachsen bedeutete hineinzuwachsen in das diskrete Amt des Sterbebegleiters – das Medium ist unser Hospiz, unsere Hymne der Abgesang. Nicht dass Jackson über die Maße teil hatte an der allgemeinen Korruption von Bedeutung, aber seine schwächer werdenden Lebenszeichen waren verlässliche Indikatoren der Gesamttendenz. Jeder Auftritt eine Zeugenaussage zum Lip-Sync der Postdemokratie. Seine Zombiewerdung war die der Öffentlichkeit.

Nun rumort es und der Schrecken sitzt tief. Die Gegenwart berührt einen ziemlich eigenartigen Moment der Geschichte, das ist wohl alles, was sich mit Sicherheit sagen lässt. Aber was übrig bleiben und was kommen wird – es ist uns ziemlich egal geworden. Schon vor Zeiten haben wir uns die Gleichgültigkeit der Reichen zugelegt. Wir haben nicht mal mehr Abstiegsangst, wir sind identisch mit der Unterschicht. Es lässt uns schaudern, aber es stört uns nicht mehr. Wir sind Anonymous. Wir brauchen keine Revolution und keinen Königsmord – der König ist untot.

Es stimmt, zu echter Empörung fehlt uns der Charakter. Wir haben keine Helden mehr und keine Namen. Es gibt kein Schauspiel, das verschwand mit der Erzählung – uns hat die Realität maskiert. Vielleicht wird es schon in naher Zukunft eine Kultur von Offlinern geben, die wieder zurück in den Wald gehen und echte Bomben basteln. Mag sein, dass wir nur Krieg spielen im Internet, aber in Wahrheit schauen wir euch schon zu beim Sterben.

Installationsansicht HfG Karlsruhe 2011, Doppelprojektion

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

Installationsansicht HfG Karlsruhe 2011, Doppelprojektion

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

Vase vorm Eingang zur Projektion, im Hintergrund: das "Ensemble"

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

Plakat, Tintenstrahldruck (60*42cm)

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

"Ensemble", 14 farbige Tintenstrahldrucke (je 26*20cm)

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

Dreiminütiger Auszug aus der Doppelprojektion, Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Alina Schmuch / Steffen Zillig

Deutsches Theater

HfG Karlsruhe17.07.2010

Kleines Trauerspiel zum Fade Out der Öffentlichkeit im großen Strom der Befindlichkeiten. Vor diesem Hintergrund ein Blick ins veröffentlichte Privatorium: den großen Dramen auf kleinen Bühnen.

-

Die Installtion ist eine Gemeinschaftsarbeit mit Alina Schmuch und entstand 2011 in Karlsruhe, wo sie in den Räumen der Hochschule für Gestaltung auch aufgeführt wurde. Sie besteht aus einer Doppel-Projektion, in der sich theatralische You-Tube-Erzählungen zu einer großen Leidensgeschichte ineinanderschieben. Pubertärer Übermut und existenzielle Tragödien werden eins. Die Audiospur wiederholt eine einfache, tragische Tonfolge von Bert Wrede, die mit Publikumsgemurmel konkurriert, das vor einer Inszenierung des Deutschen Theaters in Berlin aufgenommen wurde. Außerdem zeigen 14 Farbdrucke Porträts des "Ensembles", daneben ein weiterer die aus der Projektion zitierte Aufschrift: "Über Zukunft reden wollte auch nicht mehr".

Ein Auszug der Doppelprojektion ist passwortgeschützt auf Vimeo hinterlegt. Zugang auf Anfrage.

Mock-up von Buchcover und Autorenbild von Max Prediger

Entwurf: Max Prediger

Covermotiv von "Logik der Unterscheidung" von Michael Hirsch

Entwurf: Max Prediger

Autorenbild von Michael Hirsch

Foto: Max Prediger

Covermotiv von "Anmerkungen zur Metamoderne" von Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen

Entwurf: Max Prediger

Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen

Foto: JR Wallner

Edition Uhlenhorst

Textem Verlag05.05.2015

Aufsätze und Essays an der Schnittstelle von Kunst und Gesellschaft, vom Aufbruch einer metamodernen Mentalität und dem Verlust ästhetischer Ausreden für die politische Teilnahmslosigkeit der kulturellen Linken.

-

Die Edition Uhlenhorst erscheint seit 2015 als eigenständige Reihe im Textem Verlag, Hamburg. Sie versammelt kurze und meinungsstarke Aufsätze aus den Bereichen Ästhetik, Kunst und Politik.

Die Reihe wurde zunächst von Studierenden der HFBK ins Leben gerufen und wird seither ehrenamtlich betrieben. Mitwirkende sind Hanna Böge (Redaktion, Finanzen), Max Prediger (Grafik), Nils Reinke-Dieker (Verlag, Gestaltung), Nino Svirelli (Kommunikation), Elias Wagner (Redaktion) und Steffen Zillig (Redaktion). Alle Beteiligten fungieren auch als Herausgeber.

-

Bisher erschienen sind:

Band 1:

"Logik der Unterscheidung – Zehn Thesen zu Kunst und Politik" von Michael Hirsch

Klappentext:

Viele von uns befürworten intuitiv die Ästhetik subversiver Gesten gegenüber der bestehenden Gesellschaftsordnung. Aber auf welcher Vorstellung beruht diese Ästhetik? Und warum ist das Bedürfnis, künstlerische Werke anhand politischer Modelle zu beschreiben, so stark? Mit zehn Thesen zu Kunst und Politik plädiert Michael Hirsch für eine kritische Neubewertung unserer Sympathie für künstlerische Subversion.

-

Band 2:

"Anmerkungen zur Metamoderne" von Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen

Klappentext:

Während sich viele Kommentatoren darüber einig sind, dass wir die Koordinaten der Postmoderne verlassen haben, herrscht wenig Einigkeit darüber, mit welchem Modell sich die Gegenwart erfassen und verändern lässt. Mit ihren Überlegungen zur Metamoderne spüren Robin van den Akker und Timotheus Vermeulen einer Haltung nach, die die ironische Distanz gegenüber Idealismus, Romantik und Realpolitik überwindet, ohne die Errungenschaften postmoderner Skepsis leichtfertig preiszugeben.

-

Jedes Buch erscheint mit herausnehmbarem, farbigem Autorenbild. Der Vertrieb wird organisiert von der SoVA in Maintal (sovaffm@t-online.de). Die Website der Edition ist erreichbar unter edition-uhlenhorst.de.

Scan aus einem Buch zur Kunst im "Dritten Reich"

Foto: Steffen Zillig

Ausstellungsplakat zu "Past pro toto", HFBK Hamburg, 2010

Foto: Steffen Zillig

Eingang zur Ausstellung "Past pro toto" mit pseudoantikem Dekor, HFBK Hamburg, 2010

Foto: Steffen Zillig

Blick in die Ausstellung "Past pro toto", HFBK Hamburg, 2010

Foto: Steffen Zillig

Blick in die Ausstellung "Past pro toto", Ansicht von "Trauernde Frauen und Siegesgenius"

Foto: Steffen Zillig

Blick in die Ausstellung "Past pro toto", Ansicht von "Trauernde Frauen und Siegesgenius"

Foto: Steffen Zillig

Blick in die Ausstellung "Past pro toto", Ansicht von "Trauernde Frauen und Siegesgenius"

Foto: Steffen Zillig

Außenansicht der Galerie Am Dobben während der Ausstellung "Trauernde Frauen und Siegesgenius", 2011

Foto: Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Galerie Am Dobben2011

Foto: Steffen Zillig

Ausstellungsansicht von "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Galerie Am Dobben2011

Foto: Steffen Zillig

Flyermotiv zur Ausstellung in der Galerie Am Dobben in Bremen

Foto: Steffen Zillig

Detail aus "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Rondell-Bild 02/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Rondell-Bild 03/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Rondell-Bild 04/81

© Steffen Zillig

Detail aus "Trauernde Frauen und Siegesgenius", Rondell-Bild 05/81

© Steffen Zillig

Tonspur zur Installation "Trauernde Frauen und Siegesgenius". Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de)

Trauernde Frauen

Galerie Am Dobben06.02.2011

Das Leben ist hart, das Volk braucht Reize. Und was war die Jugend je mehr als ein Tanz-Marathon persönlicher Strapazen: Wie weit kannst du gehen? Jeder Rebell ist heute ein Idiot und umgekehrt. Ein Festzug in Bildern: "Trauernde Frauen und Siegesgenius".

-

Die Installation "Trauernde Frauen und Siegesgenius" besteht im Kern aus einem Dia-Rondell mit 81 Reproduktionen. Ferner eine bedruckte Holztafel, verschiedene Holzsockel und einer Tonspur von zwei Minuten Länge. Maße und Ausführung variabel. Die Tonspur kann auf Vimeo nachgehort werden. Passwort auf Anfrage.

Die Arbeit wurde als Teil der Ausstellung "Past pro toto" entwickelt und erstmals im Sommer 2010 in der HFBK Hamburg ausgestellt. An dieser Ausstellung nahmen neben Steffen Zillig auch Fabienne Müller, Sohyun Jung und Nina Wiesnagrotzki teil. Die Arbeiten waren dabei sämtlich in einen Flickenteppich im Boden eingelassen, die Wände abgesehen von zwei Reproduktionen antiker Büsten leer gelassen.

Ein weiteres Mal wurde die Arbeit ein Jahr darauf in der Projektgalerie Am Dobben in Bremen gezeigt. Hier wurde sie um die Tonspur ergänzt, die aus einem Kellerfenster bis auf den Vorplatz der Galerie zu hören war. Sie ist auf Vimeo nachzuhören (Passwort auf Anfrage). Die Galerie selbst blieb verschlossen, Dia-Projektion und Holztafel waren durch ein Schaufenster einsehbar.

-

Ausgangspunkt der Arbeit war eine titelgebende Fotografie jener Künstler-Festzüge, die die Nationalsozialisten während der jährlichen Kunstausstellung in München veranstalteten. Die Zeilen auf der Holztafel sind zitiert aus dem Song "Thunder On The Mountain" (2006) von Bob Dylan. Eine weitere atmosphärische Referenz ist eine Textstelle aus "Erbschaft dieser Zeit", 1935 erstmals veröffentlicht.

Auszug aus "Erbschaft dieser Zeit" von Ernst Bloch:

[...]

Hier ein Beispiel von unterwegs, es steht (wie bald vielleicht) für mehr. Die Frankfurter Festhalle veranstaltete vierzehn Tage und länger eine sogenannte Internationale Dauer-Marathon-Tanz-Meisterschaft. Die technische Leitung liegt in den Händen einer Kompagnie, zwischen die man nicht geraten möchte. Ross Amusement Co. – klingt wie vom dicken Wallace aus dem Stall gezogen. Etwa 25 Paare haben sich Tag und Nacht, 45 Minuten pro Stunde, in Tanzbewegung zu halten. Die übrigen 15 Minuten sind zum Ausruhen, Austreten, zum Essen oder Schlafen bestimmt. Tänzer, die während der Tanzzeit die Toiletten aufsuchen, erhalten drei Minuten Freizeit, wofür sie während der Ruhepause fünf Minuten weiterzutanzen haben. Die konkurrierenden Paare müssen die Füße während der ganzen Tanzdauer in Bewegung haben; die eine Hand des einen Partners stets auf dem anderen, wie beim Vergnügen, wie im Salon. Da sind nicht die Wohltaten des Sports, sondern sämtliche Paare sollen „ein gesellschaftlich würdiges Aussehen“ bewahren. Die Würde der engen Lackschuhe, der Kragen, der Balltoilette; spanische Stiefel zieht man aus dieser Würde und einen Knebel für verzerrte Gesichter, die dadurch doppelt lustig werden. Sieger der Meisterschaft ist das Paar, welches zuletzt auf dem Tanzparkett zusammenbricht. An die 20 Paare haben bereits umsonst geschafft, manche nach über 300 Stunden Tanz. Sie tragen nichts davon als ein krankes Herz und die Pfiffe der Galerie.

[...]

Die Tänzer haben sich freiwillig dazu verstanden. So freiwillig, wie heute Erwerbslose sind, die vor anderen ihrer Art dies Schauspiel geben. Erwerbslose, Kleinbürger und Proleten füllen zu drei Vierteln den Raum, lassen sich die Marter dort unten als Sport vormachen. Als Sport, der kein anderes Ziel hat als den am längsten hinausgeschobenen Zusammenbruch, keinen anderen Lorbeer als den fürs längste Leiden. Ein Drittel der Wähler sind heute Nazis; hier im Saal dürfte ihrer mehr als die Hälfte tonangebend sein. Wenn nicht der Zahl, so den Instinkten nach, die sie in die Menge gebracht haben. Draußen stehen einige Dutzend mittlerer Autos, die freilich mehr zum Geschäft als zur Gesellschaft gehören dürften. Die „Gesellschaft“ braucht dies trockene Gemetzel noch nicht, sie vermietet nur die Festhalle dazu. Sie hat noch Massen genug unter sich, denen es schlechter geht als ihr und die sie im täglichen Kolosseum ausweiden kann.

Welche Griechen sind wir, die solches Marathon haben, und welche Botschaft, die von ihm gebracht wird. Welche Gemeinheit und langweilige Roheit in diesen Circenses, welche Dummheit und Unwissenheit noch in ihrem langstieligen Titel. Prag und andere Städte sollen Ross Amusement Co. verboten haben; in Deutschland regelt die Polizei den reibungslosen Einlaß. Was die Volksseele hier auskocht, wird man in Kürze nicht schlecht anrichten.

Im durchgehenden Dreisekundentakt zeichnet "Trauernde Frauen" ein Szenario der Ausschweifung. "Verschwende deine Jugend!", riefen die Punks in den achtziger Jahren. Dieser Imperativ steht heute unter veränderten Vorzeichen, wo Provokationen nichts weiter sind als ein Vorabendspass. Der Mythos der Befreiung hat sich überlebt, und Jugend ist kaum mehr als ein Handelsplatz persönlicher Strapazen: Deal or no deal? Welchen Klang haben da die fragenden Zeilen eines alternden Rockpoeten wie Bob Dylan: "Where in the world Alicia Keys could be?". Es wäre nicht die erste Ode eines alten Mannes an die Integrität der Stimme einer jungen Frau. Hier wurde sie auf unbeschichtetes MDF gedruckt, in den Galerieraum geworfen und dem Bilderreigen im Schaufenster gegenübergestellt. Die Basis des Diaapparats ist ebenso aus MDF wie der sockelartige Kasten, auf den die Fotografien projiziert werden. Aus dem Kellerfenster dringt ein weiteres, akustisches Bühnenbild. Vor einem brodelnden Klangteppich telefoniert ein junger Mann lautstark mit seiner Exfreundin und versteht es aufs Feinste, seine anwesenden Freunde dabei mit der höhnischen Geste stumpfer Überlegenheit zu beeindrucken.

[...]

Cover von "Ich habe dir immer gesagt", 73 Seiten, Edition Suchbegriffe 2009

© Steffen Zillig

Seite 5, "Ich habe dir immer gesagt"

© Steffen Zillig

Seite 44, "Ich habe dir immer gesagt"

© Steffen Zillig

Seite 45, "Ich habe dir immer gesagt"

© Steffen Zillig

Seite 53, "Ich habe dir immer gesagt"

© Steffen Zillig

Seite 65, "Ich habe dir immer gesagt"

© Steffen Zillig

Cover von "In tiefer Trauer", 32 Seiten, Edition Suchbegriffe 2009

© Steffen Zillig

Präsentation der Edition in der Ausstellung "Hamburger Hefte", 2010 in der Kunsthochschule Kassel

Foto: Daniel Niggemann

Flyermotiv der Ausstellung "Hamburger Hefte" im Rahmen des Internationalen Fotobuch-Festivals Kassel 2010

Gestaltung: Christin Kaiser und Steffen Zillig

Ich habe dir immer gesagt

Edition Suchbegriffe15.04.2009

Was nützten all die Archive und Aufreihungen konzeptueller Kunst, wenn sie keine Geschichten erzählen? In diesem Buch wurde nichts auf den Begriff gebracht, nicht sortiert, sondern verdichtet, nämlich ein ganzer Halbsatz und seine Tragödien.

-

Die Edition Suchbegriffe ist eine kleine Reihe von der 2009 zwei Bände im Selbstverlag erschienen. Der Textband "Ich habe dir immer gesagt" und der Bildband "In tiefer Trauer". Ausgangspunkt für beide sind die titelgebenden Suchbegriffe, deren Ergebnisse essayistisch arrangiert wurden. Beide Bände sind mittlerweile vergriffen.

Titelmotiv der Ausstellung "Yesterday Paradise" und Motiv #1 der gleichnamigen Postkartenserie

© Herda / Osterried / Zillig

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf. Arbeit von Dominic Osterried

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf. Arbeit von Dominic Osterried

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf. Arbeit von Dominic Osterried

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf. Blick auf die titelgebenden Druck.

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf. Blick auf die titelgebenden Druck.

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Ausstellungsansicht vom Kunstverein Düsseldorf mit Rückenansicht von Alex Wissel.

Courtesy Kunstverein Düsseldorf

Motiv #15 aus der Reihe "Yesterday Paradise" von Moritz Herda, Dominic Osterried und Steffen Zillig

© Herda / Osterried / Zillig

Motiv #17 aus der Reihe "Yesterday Paradise" von Moritz Herda, Dominic Osterried und Steffen Zillig

© Herda / Osterried / Zillig

Motiv #10 aus der Reihe "Yesterday Paradise" von Moritz Herda, Dominic Osterried und Steffen Zillig

© Herda / Osterried / Zillig

Yesterday Paradise

Kunstverein Düsseldorf15.08.2014

Ausstellung zur Pubertät des Internets in den neunziger Jahren und den Jungs, deren erste Liebe es war.

-

Vollständiger Titel der Ausstellung im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen: "Yesterday Paradise - Wir Mitläufer - eine kurze Ausstellung in den Ruinen von 'Zum Beispiel Les Immatériaux'". Sie folgte einer Einladung von Roy Huschenbeth und wurde gemeinsam mit ihm und den teilnehmenden Künstlern kuratiert. Das Ausstellungsdisplay basierte auf der vorhergehenden Schau, die ausgehend von Lyotards "Les Immatériaux" die Technikdiskussion der achtziger Jahre zum Thema hatte. "Yesterday Paradise" nahm seinen Ausgang von darauf folgenden Jahrzehnt, schrieb eine kleine Geschichte der Anfänge des Internets - aus der Perspektive der Mitläufer.

Die teilnehmenden Künstler waren: Carsten Benger, Constant Dullaart, Moritz Herda, Dominic Osterried und Steffen Zillig.

Im Zentrum der Schau stand ein rund 20 Meter langer Tisch, auf dem die subjektiven Erinnerungen an die Pubertät des Internets zusammenliefen. Zu dieser Installation ist ein Künstlerbuch in Planung, bei dessen Gestaltung wie schon beim Tischdruck der Grafiker Jan Schaab beteiligt ist.

-

Der einleitende Saaltext der beteiligten Künstler:

Hunter S. Thompson war schon aus der Zeit gefallen als er 1971 versorgt mit der wahnwitzigen Mischung sämtlicher gängigen Amphetamine, Narkotika und Psychedelika noch mal nach Vegas fuhr, um den Resten eines kalifornischen Traums nachzuspüren. Diesem juvenilen Gefühl, 'der Sieg über die Kräfte des Alten und Bösen sei unausweichlich', weil eine ganze Generation gerade 'auf dem Kamm einer hohen und wunderschönen Welle' ritt.

'Und jetzt, weniger als fünf Jahre später, kannst du auf einen steilen Hügel in Las Vegas klettern und nach Westen blicken, und wenn du die richtigen Augen hast, dann kannst du die Hochwassermarkierung fast sehen – die Stelle, wo sich die Welle schließlich brach und zurückrollte.'

Lange war uns nicht klar, mit welcher Welle wir schwammen als Jahrzehnte später, in den beginnenden Neunzigern, berauschte Pioniere an neuen Formaten schrieben. Wir haben auch den Moment des Wellenbruchs verpasst, aber im Nachhinein wird man ihn wohl auf das Jahr 2004 datieren müssen (vielleicht auch früher, John Perry Barlow spricht von 1996, was einleuchtet). In kurzer Zeit waren die vielen utopischen Programmzeilen mit neuen Bedingungen überschrieben. Stärkere Kräfte hatten investiert. Die Welle schepperte zurück.

Anders als die von Thompson, anders als die der sechziger und siebziger Jahre, gründete die Wucht dieser Welle nicht in der Hoffnung auf die bewusstseinsverändernde Kraft von Musik, Marxismus, Sex und Drogen (das auch) – das zentrale Versprechen lieferten Nullen und Einsen. Die strukturaufweichende Energie des Digitalen war der Sturm hinter dem Wachsen einer Welle, die immer mehr Köpfe ergriff. Wie gesagt, wir nahmen sie damals weniger als solche wahr. Wir waren kleine pickelige Mitläufer, die gar nicht wussten, wie ihnen geschah, als ihr 386er sich erstmals ins Telefonnetz klinkte.

Den höchsten Wasserstand erkennt man immer erst im Nachhinein. Wahrscheinlich findet sich auch die Marke dieser Welle irgendwo im Kalifornischen, wo nun abermals ein paar Aus-der-Zeit-Gefallene mit zugekniffenen Augen durchs Silicon Valley kurven. Hier und heute hat sich die See beruhigt und es ist schwer zu sagen, ob das gut oder schlecht ist. Uns bleibt nur mehr die Wahl zwischen Verklärung und Realpolitik.

-

Der Ausstellung und ihrem Thema vorangegangen ist eine gleichnamige Postkartenserie von Dominic Osterried, Moritz Herda und Steffen Zillig. Sie trägt den Untertitel: "Postcards from a pragmatic present" und schreibt ebenfalls an einem visuellen Abgesang auf das alte Netz. Dokumentiert wird sie hier: yesterdayparadise.de

Flyermotiv zur Ausstellung "Wallungen" im Golden Pudel Club (Vorderseite)

Ausstellungsansicht aus dem Golden Pudel Club, 2010

Ausstellungsansicht aus dem Golden Pudel Club, 2010

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 80/162

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 81/162

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 82/162

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 84/162

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 85/162

Detail aus "Wallungen", Rondell-Bild 86/162

Detail aus "Wallungen", Still aus linker Projektion

Detail aus "Wallungen", Still aus linker Projektion

Detail aus "Wallungen", Still aus linker Projektion

Detail aus "Wallungen", Still aus rechter Projektion

Detail aus "Wallungen", Still aus rechter Projektion

Detail aus "Wallungen", Still aus rechter Projektion

Ansicht des Eingangs zum Projektionsraum in der HFBK Hamburg, 2009

Detail aus "Wallungen", Tintenstrahldruck

Parallele Ausstellung in der HFBK Hamburg: hinten "Kriegserklärung" von Steffen Zillig, 15 Fotografien je 70*100 cm, vorne Arbeit von Christin Kaiser

Von der Aufführung im Golden Pudel Club sind leider nur wenige, kurze Aufnahmen erhalten, die zu einem kleinen Dokumentationsclip zusammengefasst wurden. Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

Aufnahmen: Moritz Herda

Auszug aus der Dia-Projektion. Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

Wallungen

Golden Pudel Club12.04.2010

Ich werde dich nicht retten. Wie hieß es doch einmal: Gesicht des Anderen – stillste Musik. Und jetzt? Und jetzt? Und jetzt? – "Wallungen", 2010,Stressbewältigung, Stresserzeugung und Installation.

-

Komplettes Zitat aus "Untertagblues" von Peter Handke:

Du hast allen Grund zum Verzweifeln. Aber heißt das, du darfst dich dabei derart hässlich gehen lassen? Du darfst dich so trostlos hässlich darbieten? Nein, ich werde dich nicht retten. Wie hieß es doch einmal: Gesicht des Anderen – stillste Musik. Und jetzt? Und jetzt? Und jetzt?

-

Das Zitat teilt sich gerahmt oder in geplotteten Lettern den Raum mit der montierten Fotografie einer Vermissten im Nachtkleid, engelsähnlich vor weißen Untergrund. Im Zentrum der Installation steht eine Dia-Projektion mit 162 Reproduktionen und behauptet das Leben als lärmenden Bauplatz. Zwei Video-Projektionen flankieren eine Tanzfläche: Rechts wechseln sich Aufnahmen von Mädchen, die sich mit vollem Einsatz im Wohnzimmer beim Booty-Shaking in Szene setzen. Links daneben ein Blick auf die Straße: Aufmärsche zum Schützenfest, zum Karneval, Militärparaden. Auf der Tanzfläche selbst dann für einen Moment ein aggressives und rasantes Krump-Battle. Die Beschallung: eine Homage an die kurze Zeitspanne, in der der chronisch übersteuerte Krump-Krach den Hip Hop einmal in musikalische Riots überführten wollte - noch vor dem Siegeszug düster-berauschter Trap-Klänge.

-

Die Installation wurde erstmal 2009 in der HFBK Hamburg präsentiert. Dort wurde die in einem kleinen abgedunkelten Raum laufende Dia-Projektion noch mit einem Sound-Loop von Komponist Bert Wrede begleitet. In einer erweiterten Fassung wurde die Arbeit dann im Hamburger Golden Pudel Club um zwei Video-Projektionen ergänzt. Der Soundtrack wechselte zu einem hart übersteuerten Krump-Mix (aufgelegt von DJ Sabotage), zu der zwei Krump-Tänzer (JokaH und Myloo) sich ein Battle zwischen erschrockenen Clubgästen lieferten.

Von dieser Aufführung im Pudel sind leider nur wenige, sehr kurze Aufnahmen erhalten, die zu einem kleinen Dokumentationsvideo zusammengefasst wurden. Dies ist bei Vimeo hinterlegt. Auch ein kurzer Ausschnitt aus der Dia-Projektion mit dem Soundtrack von Bert Wrede ist auf Vimeo anzusehen. Das zur Ansicht beider notwendige Passwort ist auf Anfrage erhältlich.

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Still aus "Meine dumme Ex", 2008

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Kopie von "Meine dumme Ex", 2008. Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Moritz Herda und Steffen Zillig

Meine dumme Ex

FiSH Festival01.11.2008

Die kleine Schlampe wollte schließlich ins Rampenlicht... Harmlose YouTube-Ballade entpuppt sich als bittersüße Abrechnung mit der Ex-Freundin. Und das Internet macht aus dem privaten Kleinod einen unaufhaltsamen Selbstläufer. Aber die Kamera kennt auch eine andere Perspektive: zurück auf den Betrachter. Kurzfilm von Moritz Herda und Steffen Zillig.

-

Cast: Katharina Wessels, Hans Löw, u.a. / Musik: Björn Felber, Bert Wrede / Ton: Peter Trepel / Kamera, Schnitt, Buch, Regie: Steffen Zillig & Moritz Herda. Länge: 7 Minuten. Produziert 2008 auf DV.

2009 wurde "Meine dumme Ex" von der Jury der FiSH Festivals in Rostock zum Film des Jahres gewählt, auf dem REC-Medienfestival in Berlin zum "Goldenen Clip".

Der Kurzfilm ist passwortgeschützt auf Vimeo hinterlegt. Zugang auf Anfrage.

Frieze d/e, Ausgabe 13, 4/2014, Seite 72

Courtesy Frieze d/e

Frieze d/e, Ausgabe 13, 4/2014, Seite 73

Courtesy Frieze d/e

Social Streaming

Frieze d/e01.03.2014

"Was das Verwenden von vorgefundenem Material betrifft, sind auch Zilligs Installationen von einem 'internet state of mind' durchdrungen." Artikel von Kito Nedo in der Zeitschrift Frieze d/e. Erschienen im April 2014 unter dem Titel "Teens im Netz" (englischer Titel: "Social Streaming") infolge der Ausstellung "Was bisher geschah..." in der Galerie Conradi.

Auszug aus dem Artikel:

[...]

"Was bisher geschah …" stellt auf einer diffus gehaltenen Ebene Bezüge zwischen Politik, Gesellschaft und Zeitgeist her: Carrell taucht als Repräsentant der Ära Kohl neben der Trash-TV-Gestalt Bohlen auf, die die neoliberale Selbstoptimierungs-Ideologie seit den Schröder-Jahren in ein populäres Showformat schmiedet; die Bilder aus dem Audition-Porno weisen eine unheimliche Parallelität zum Bewerbungstrainingsvideo auf. In seiner barocken Fülle von Quellen und Verweisen strahlt das Werk jedoch keinerlei Kulturpessimismus oder Weltekel aus. Im Gegenteil: Die Beklemmung, die aus der Nähe zur Realität resultiert, wird immer wieder mit Hilfe des Fantastischen durchbrochen. Doch wo die Slickness einer Post-Internet-Ästhetik anderswo in psychedelischen Farbverläufen schimmert, hält Zillig an sprödem, knarzigem Politkunst-Wollen fest. Irgendwann poppt im Bilderstrom eine Guy-Fawkes-Maske auf: "We are Anonymous. We are legion. Expect us."

[...]

Was das Suchen, Finden und Verwenden von vorgefundenem Material betrifft, sind auch Zilligs Installationen von einem „internet state of mind“ durchdrungen, wie es der Kurator Carson Chan einmal nannte, also einer am Netz und seinen Mechanismen geschulten Art des Denkens und Verknüpfens. Zugleich widersprechen sie aber allem Modischen, der reinen Tech-Faszination und ungebrochenen Freude am Zeitgenössischen. "Das ästhetisch Neue", so Zillig in einem jüngst in Kultur & Gespenster publizierten Text, "ist selbst schon korrumpiert, es hat sich als ultimativer Beschleuniger mit der herrschenden Ökonomie verschwistert." Auch Zilligs Werk erzählt vom Herein-brechen des Digitalen in die physische Welt. Sein Weltinteresse aber bleibt auch da ein politisches, wo es scheinbar "nur" um ästhetische Fragen geht.

Vorderseite der Einladung

© Steffen Zillig

Detail des Tintenstrahldrucks

© Steffen Zillig

Detail des Tintenstrahldrucks

© Steffen Zillig

Ansicht des Tintenstrahldrucks

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Installationansicht, Blick auf die Videowand

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Installationansicht, Blick auf die Videowand

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Blick in die Galerie Conradi

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Ansicht einer Fotografie

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Installationansicht, Blick auf die Videowand

Courtesy Galerie Conradi / Foto: Heiko Neumeister

Dokumentation der Ausstellung, Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Steffen Zillig

Was bisher geschah...

Galerie Conradi01.11.2013

Dystopische Komposition und mentaler Hindernislauf zwischen "Rudi-Carrell-Show" und "Deutschland sucht den Superstar", vom Staat als jovialer Nachkriegsonkel (Carrel) zum pöbelnden Laptop-Trainer des Neoliberalismus (Bohlen). Außerdem: Science-Fiction-Comic zur Implusion der Star-Kultur im Jahr 2045.

-

Die Installation besteht aus einem drei Meter langen Farbdruck, der im Fall der Ausstellung in der Galerie Conradi hinter Glas auf einem schwarzen Tisch präsentiert wurde. Außerdem sechs gerahmte Drucke von Farbfotografien und eine dreißigminütige Sechs-Kanal-Videoprojektion. Abgespielt wird diese von synchronierten Raspberry-Pis, für deren Programmierung Dominic Osterried und Ulf Freyhoff zu danken ist. Die Musik der Installation steuerte der Berliner Filmkomponist Bert Wrede bei.

Eine Dokumentation der Ausstellung ist auf Vimeo hinterlegt. Passwort auf Anfrage.

-

Einführungstext der Galerie:

In seiner ersten Einzelausstellung bei Conradi zeigt Steffen Zillig die Installation „Was bisher geschah...“ von 2013. Zu ihr gehört eine aus mehreren Comics neu zusammengesetzte dystopische Bildgeschichte, die eine Gesellschaft entwirft, in der sich ein Menschheitstraum zu erfüllen scheint und jedes Individuum ein Star ist. Das vermeintliche Glück wendet sich jedoch ins Katastrophische – und in eine Reflektion über die kapitalistische Okkupation von Identität und Kreativität.

Während die über drei Meter laufende Bildgeschichte in die Zukunft weist, blendet der zugehörige, aus sechs Projektionen bestehende Film zurück in die neunziger Jahre bis heute. Ausgehend von einer Rede des britischen Parlamentariers Peter Lilley, in der dieser seine Pläne – „to close down the something for nothing society“ – verkündet, werden darin Gesangswettbewerbe der neunziger und nuller Jahre gegenübergestellt. Namentlich der Imitatorenwettbewerb der Rudi-Carrell-Show und das bis heute laufende TV-Format Deutschland sucht den Superstar. Lesbar werden so die jüngsten Steigerungsformen einer Leistungs- und Castingsgesellschaft, aus denen sich eine Art Zerrbild zweier sloterdijkschen Metaphern ergibt: hier der Kristallpalast, ein gut klimatisiertes Verwöhnungstreibhaus für die Megastars und dort der Trainingsimperativ – Du musst dein Leben ändern! – für die Heerscharen der C-Prominenz. Auch die Projektionen laufen, stetig ihren Fokus wechselnd, auf ein apokalyptisches Finale zu. Über ihre 30 Minuten Laufzeit deutet sich dieses bereits im bedrohlichen Ton des Films an, der den Rhythmus der Bilder trägt.

Zur Installation gehören außerdem fünf datierte Fotografien von technisch hochgerüsteten Kelleranlagen, die dem fiktionalen Terrorismus durch eine Gemeinschaft der Identitätslosen einen Anfang im Heute geben.

Elena Winkel

-

Der ausliegende Saaltext:

1992 wurde die letzte Sendung der Rudi-Carrell-Show im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Das Format existierte in verschiedenen Varianten bereits seit den sechziger Jahren. Seit 1988 zählte zu den zentralen Showelementen der Auftritt unbekannter Amateursänger, die ihre Lieblingsstars imitierten. Die Vorstellung der Imitatoren erfolgte dabei stets vor eigens gebauten Kulissen, anhand derer sie ihre berufliche Tätigkeit erklärten.

Im selben Jahr amüsierte Peter Lilley, damals Secretary of State for Social Security, das Publikum einer Konferenz der britischen Konservativen mit einer Parodie der berühmten Operette The Mikado von Gilbert and Sullivan. Seine Pläne – „to close down the something for nothing society“ – ergänzte er mit einer paraphrasierenden Strophe, die er auf Menschen ummünzte, die unberechtigt Sozialhilfe kassierten, sowie junge Frauen, die nur schwanger würden, um von staatlicher Wohnhilfe zu profitieren.

2002 startete der deutsche Privatsender RTL das Castingformat Deutschland sucht den Superstar, ein lizenzierter Ableger der britischen Sendung Pop Idol. Das Konzept der Sendung gleicht dem eines Talentwettbewerbs, in dem sich in verschiedenen Castings und Bewerbungsrunden Amateursänger einer prominenten Jury stellen. Ihr erklärtes Ziel ist es, Popstar zu werden. Neben dem Wettbewerb wird auch das Leben der Teilnehmer in der Sendung und in weiteren RTL-Magazinen thematisiert.

2003 begann die erste Stufe der Hartz-Gesetze. Sie markierten die deutsche Version eines politischen Zeitgeists, der den in Groß-Britannien und den Vereinigten Staaten bereits seit den achtziger Jahren vorangetriebenen Neoliberalismus als alternativloses Modell angesichts der wirtschaftlichen Globalisierung behauptete. Kern der Gesetze bildeten Maßnahmen zur Deregulierung und Flexibilisierung von Arbeitsmarkt und staatlicher Wohlfahrt.

Im selben Jahr wurde das englischsprachige Imageboard 4chan gegründet, auf der anonym Bilder veröffentlicht und diskutiert werden. Die bekannteste Unterseite ist die Rubrik Random, genannt /b/, die keinen festgelegten Diskussionsgegenstand hat. Mit ca. 350.000 täglichen Postings ist /b/ eine der meistbesuchten und einflussreichsten Seiten des Internets und gilt als Wiege von Anonymous. Berüchtigt ist /b/ vor allem aufgrund seiner politischen Inkorrektheit, seines derben Zynismus und dem hohen kreativen Output, der eine Großzahl der populären Web-Phänomene und Meme verantwortet.

Cover der zweiten Ausgabe im Rhein Verlag

Foto: Kühne / © Rhein Verlag

Cover der ersten Ausgabe im Selbstverlag

© Steffen Zillig

Kapitel 2, Seite 22

© Steffen Zillig

Kapitel 2, Seite 34

© Steffen Zillig

Kapitel 2, Seite 38

© Steffen Zillig

Kapitel 3, Seite 44

© Steffen Zillig

Kapitel 3, Seite 53

© Steffen Zillig

Kapitel 4, Seite 58

© Steffen Zillig

Kapitel 4, Seite 59

© Steffen Zillig

Kapitel 4, Seite 61

© Steffen Zillig

Kapitel 4, Seite 62

© Steffen Zillig

Kapitel 6, Seite 73

© Steffen Zillig

Kapitel 7, Seite 89

© Steffen Zillig

Kapitel 7, Seite 90

© Steffen Zillig

Albrecht

Rhein Verlag30.06.2010

Die Elite lebt leise. Bildessay zu einem milliardenschweren Phantom. Drohnenflug von den Landschaften uniformer Discounterhallten zu den Partydomizilen postdemokratischer Renaissancefürsten in Italien.

-

Das Buch erschien im Jahr 2010 wenige Wochen vor dem Tod von Theo Albrecht in selbstverlegter Kleinstauflage. Wenig später in einer zweiten, erweiterten Version im Düsseldorfer Rhein Verlag. Beide Auflagen sind vergiffen.

-

Auf den Spuren einer unsichtbaren Elite entwirft das Buch eine assoziative Fotofolge, die in sieben Kapiteln von zwei jungen Albrecht-Brüdern aus den USA, über faulige Beratungsgespräche in Internetforen zu den Fantasien eines kommenden Aufstandes surrt. Von blonden Frauen im italienischen Fernsehen und der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

Dominic Osterried 2009 in Falkenstein

Foto: Andrzej Steinbach

Steffen Zillig

Foto: Andrzej Steinbach

Arne Schmitt

Foto: Andrzej Steinbach

Artikel von Steffen Zillig, art - Das Kunstmagazin, Ausgabe 4/2010

Artikel von Steffen Zillig, art - Das Kunstmagazin, Ausgabe 4/2010

Verschneites Falkenstein im Dezember 2009

Foto: Arne Schmitt

Verschneites Falkenstein im Dezember 2009

Foto: Arne Schmitt

Kamingespräch

art - Das Kunstmagazin20.12.2009

Zwei Tage im Schnee und ein langes Streitgespräch mit Arne Schmitt und Dominic Osterried zum Stand der Dinge: Welche Geschichte wollen wir schreiben?

-

Im Winter 2009 trafen sich im verschneiten Falkenstein in der Nordpfalz die damaligen Kunststudenten Arne Schmitt (HGB Leipzig), Dominic Osterried (Kunstakademie Düsseldorf) und Steffen Zillig (HFBK Hamburg), um darüber zu spekulieren, welchen künstlerischen Beitrag ihre Generation denn in die Welt setzen könnte/sollte/müsste. Kompromisse gab es nicht, aber in Bezug auf Materialität und Haltung immerhin einen kleinsten gemeinsamen Nenner.

Begleitet wurde die Reise von Andrzej Steinbach, der die Beteiligten fotografierte und ebenfalls mitdiskutierte.

Auf das Gespräch folgte im April 2010 unter dem Titel "Wir müssen reden" ein Artikel von Steffen Zillig im Kunstmagazin "art", der Teile der Diskussion und ihrer Umstände wiedergab.

-

Auszüge:

[...]

Die große Party aber ist längst abgefeiert und Dekadenz keine Option, die in die Zeit passt. Vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet die unscheinbare und gar nicht glamouröse Figur des Typografen unser spontanes Ranking von Akademie- Archetypen anführt. Der Intellektuelle unter den Grafikstudenten - ein irgendwie edel scheinendes Hybridwesen aus Freigeist und Handwerker.

[...]

In Arbeitsgesprächen an der Hochschule hört man von Professoren und Kommilitonen oft einen Ausspruch, der Kompliment sein will, aber im Gegenteil den künstlerischen Bankrott erklärt:

"Das funktioniert!", heißt es dann. Und Kunst funktioniert offensichtlich bestens, wenn sie das Denken ihrer Betrachter entlastet. Wenn sie bekannte Muster und Methoden so aufbereitet, dass sie auf möglichst eingängige Pointen zumarschieren. Der Künstler "entlarvt" dann X als Y, "verschiebt" die Grenze von A nach B und sowieso und in jedem Fall "irritiert" er den Betrachter.

So funktioniert Kunst: als Vorlage für die gleichermaßen müden Mustertexte jener professionellen Kunstversteher, die, sagen wir, aus einem unter Strom gesetzten Planschbecken "gesellschaftliche Spannungen" ableiten. "Simulierter Tiefsinn" hat das jemand mal treffend genannt. Er hatte sich tief eingegraben in den Humus der Hochschulen und besaß in unseren Zeiten obendrein noch ein exzellentes Düngemittel: die allgemeine Verunsicherung. Womöglich war sie das eigentliche Markenzeichen unserer Künstlergeneration.

Schmitt: "In Leipzig waren wir neulich vor die Aufgabe gestellt, uns das Werk eines prominenten Künstlers auszusuchen, um es dann in einem Kurzreferat einem Totalverriss zu unterziehen. Die meisten Studenten waren total verschreckt: Sei es nicht problematisch gleich ein ganzes Werk zu verreißen? Alles habe doch irgendwo auch seine Berechtigung und so weiter. So eine Reaktion wäre zu seiner Studienzeit in den neunziger Jahren unvorstellbar gewesen, meinte der Professor."

Osterried: "Ich vermute mal, die Studenten hätten bei uns nicht anders reagiert."

Schmitt: "Vielleicht hat es mit der ausgeprägten Kompromissbereitschaft unserer Generation zu tun. Ich erinnere mich an eine Diskussion aus der Schulzeit. Es ging um einen Tempelstreit zwischen Juden und Moslems. Könne man sich den Tempel nicht einfach teilen, hieß es schnell, die eine Religion würde ihn in der einen Woche nutzen, die andere in der nächsten?"

Wer oder was hatte unserer Altersklasse eigentlich die Streitlust genommen? In den Achtzigern geboren, irgendwo in diesen zwei verdrehten Folgejahrzehnten zu Bewusstsein gekommen, waren wir diejenigen, die ihren Eltern den Computer erklärten und im Jugendzimmer den ersten Internetanschluss installierten. Vielleicht die Letzten, die wussten, wie man eine analoge Kamera bedient und schemenhaft, wie es war, ohne Handy aus dem Haus zu gehen. Wir wuchsen auf im Bewusstsein eines seltsamen Dazwischen.

Der Kommunismus verschwand, vom "Ende der Geschichte" war die Rede und "Globalisierung" das alles schlagende Argument. Flexibilität wurde zum ultimativen Imperativ, nicht zuletzt für die Vorstellungen von Arbeit, Sozialstaat und Identität. Revolution war nicht mehr, aber überall Reform. So was lehrt Skepsis, aber es schreit dich auch an: Halt dich ran, die Plätze in der Maschine Zukunft sind begrenzt! Kein Wunder, dass sich so viele Kollegen da auf das verließen, was "funktionierte". Mit dem existenziellen Rattenschwanz hatte man auch ohne Kunst genug zu kämpfen.

[...]

Schmitt: "Also wenn ich mir etwas absolut Neues vorstellen soll, muss ich immer an eine unglaublich große, frei schwebende Schleimkugel denken ... Mir ist ehrlich gesagt eine Kunst lieber, die in ihrer Form vielleicht nicht neu ist, dafür aber Bezug nimmt auf die Welt, die sie umgibt. Ich würde sehr begrüßen, wenn man die Kunst einfach als ein Kommunikationsmittel unter anderen akzeptieren und sie endlich von diesem Avantgarde-Mythos befreien würde."

Osterried: "Von anderen Kommunikationsformen unterscheidet die Kunst aber die Freiheit ihrer Sprachen. Natürlich gibt es auch Spezialkünstler, Nerds, die sich ganz auf eine bestimmte Thematik oder Technik einschießen. Für mich trägt Kunst aber immer noch das Versprechen, jeden Tag frei zu sein in der Frage: Womit beschäftige ich mich, wie und womit arbeite ich?"

Zillig: "Das verpflichtet uns dann aber auch aufs Ganze: Man muss sich mit seiner Welt und seiner Zeit in ein ästhetisches Verhängnis bringen. Also ganz klar Weltbezug, aber mit künstlerischem Risiko. Allerdings leuchtet mir die "Kunst als Kommunikation" auch nicht wirklich ein. Ist sie nicht eine Erfahrung, die immer ein Einzelner macht?"

Ob Erfahrung oder Kommunikation, Kunstmarkt hin oder her - Kunst ließ sich jedenfalls nicht an Gegenstände ketten. Zumal in einer Zeit, in der die Digitalisierung den Datenverkehr seiner Materialität bereits weitgehend enthoben hatte. Wir sahen alle wenig Anlass, bei unseren Arbeiten großen Wert auf außergewöhnliche Materialität zu legen. Vielleicht sollte man wissen:

Unsere künstlerischen Baustellen waren grundverschieden. Dominic Osterried druckte gelbe Rauten auf Papier und nannte das "Papier & Gelb". Seine Bilderwelt war menschenleer - meine voll davon. Als Fotograf war Arne Schmitt draußen in der Stadt - ich fand meinen Rohstoff im Internet. Aber was könnte es sein, das über diese Unterschiede hinausging? Dringlichkeit? Weltbezug?

Ich fragte ein letztes Mal, als wir schon auf dem Weg waren, das Auto wiederzufinden. "Vielleicht ist es nicht ganz zufällig", meinte Osterried, "dass wir alle gerne in Buch- oder Heftform publizieren?" Schien uns die Bibliothek am Ende sogar erstrebenswerter als der Ausstellungsraum? Zumindest umgab sie noch die Aura ernsthafter Beschäftigung, die so vielen Ausstellungsorten heute abging. Wenn wir auch kein Manifest mitbrachten und auch kein neues Wozu, vielleicht verband uns ja doch so was wie eine Haltung. Sehr wahrscheinlich, dachte ich, würde unsere Kunst weniger prätentiös daherkommen, auch weniger augenzwinkernd. Würde es unangenehm? Gut möglich. Auf jeden Fall würde es ernst, und wir mussten dringend zurück in unsere Städte, an die Arbeit.

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Ansicht der Ausstellung "Es beginnt vor der Tür", 11. Juli bis 23. August 2014 in der Galerie Max Mayer

Foto: Galerie Max Mayer

Ansicht der Ausstellung "Es beginnt vor der Tür", 11. Juli bis 23. August 2014 in der Galerie Max Mayer

Foto: Galerie Max Mayer

Still aus "Be me. The driver.", 2014

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Videokopie als Stream, Passwort auf Anfrage (mail@steffenzillig.de).

© Andrzej Steinbach & Steffen Zillig

Be me. The Driver.

Galerie Max Mayer10.07.2014

Spazierfahrt durch Los Santos und den schillernden Niedergang sozialer und ästhetischer Handlungsoptionen. Der Künstler als teilnehmender Beobachter privilegierter Teilnahmslosigkeit.

-

Der dreißigminütige Film, eine Gemeinschaftsarbeit mit Andrzej Steinbach, basiert auf Let’s-Play-Videos des Computerspiels GTA 5. Im Wechseln mit Charakteren, die die Prinzipien und Möglichkeiten der Spielwelt erklären, führt eine Off-Stimme durch die collagierte Perspektive eines Fahrers, der sich aus dieser Wirklichkeit in seine gut gepolsterte SUV-Kabine zurückgezogen hat. Immer wieder wird Erzählebene dabei von der Argumentation einer zweiten Rückzugsbewegung überlagert: der des Künstlers von seinem sozialen Gestaltungsanspruch hin zu einem neuen Selbstverständnis als melancholischer Beobachter des Niedergangs. Musik von Bert Wrede. Sprecher: Stanton Taylor.

Erstmals gezeigt wurde der Film im Rahmen der Ausstellung "Es beginnt vor der Tür", 11. Juli bis 23. August 2014 in der Galerie Max Mayer in Düsseldorf, kuratiert von Arne Schmitt, Andrzej Steinbach und Steffen Zillig. Beteiligte Künstler waren Christin Kaiser, ST Paul, Andrzej Steinbach und Steffen Zillig.

Das Video ist als Kopie passwortgeschützt auf Vimeo zu sehen. Zugang auf Anfrage.

-

Auszüge aus dem Drehbuch:

[...]

Voice II (Driver):
In the beginning i walked a lot. I looked at every figure, tried to read their faces. Maybe somebody programmed a character for them.But most of them you can only shove or beat – which gets quite close to the reality of a passerby. And seriously, who is interested in talking to a nonentity? What do you expect? A nice conversation? Nice? A dog is nice because it pants and has big eyes. Most importantly: It can not talk. Talking is the worst. What should we talk about? Baseball? Come on! Who is the passerby today? A stroller without signal? A leftover, a victim, an offliner. Sometime I realized that I prefer to pass by.

Voice II (Driver):
Passing by, just cruising means to think about things, that the sorrounding humanity, with its progress, with its struggle in the existing circumstances, does not understand. What do passserbys know about the relations, that pass them by? And what would they think about you, if you would stop and ask them about it? At the most you can ask about directions, but in San Antonio not even this is envisaged. That's great, because complication is reduced. I try to avoid complication. The one who gets caught in complications, loses. Loses its eye for relations, that rush in between. Never only follow one storyline! And if it gets serious, get out of it! Go out on the street and take a car! Accelerate for two blocks and then follow the regulations!

[...]

Voice I (Off):
Be me. Be somebody, detached of circumstances. Somebody that drives! Somebody that moves freely in this world. Free of belongings, free of hierarchy, free of materiality and physicality, free of conditions of production and factual constraints. Be me. Be yourself. Switch your shoes, trousers, shirts and caps! Nothing was produced for pittance. Nothing was produced at all. Nothing has history. Everything is just there. Everything is expression. Autonomy! Be me.

Voice II (Driver):
I know, there supposedly was a time, when people drove in convertibles. When the brass and the lowlifes appeared to us as misguided, which you could win over for a good cause. Every person a citoyen? That was a lie even back then! Not the worst, but today you have tell the dilemma in a different way. It's not the criminals out there, not the rich guys up there, not even the recreational fascists of the boulevard that suck. Something else sucks around here: the public. The public sucks. Fuck Hope. Forget politics and start looking for a job in the art business. Get one of the last mid-range cars and drive around in the streets. Take some pictures, maybe video-art. It's the only real option for a program: a collage made out of many storys of losers – connected only by a stupid voiceover commentary by observers.

Voice II (Driver):
Some say, I'm negativistic. They are right. I admit my lack of impact. But from this you can not conclude, that I take lightly what I do in the awareness of this lack. We are in an absurd situation. This is a place, of which we know that it will not change the world, seriously not. This applies to San Antonio and also to the field of art.You are always like sitting in a car, passing by. But still fight with red cheeks for each chosen formulation to be right. Fight for moments of happiness in a wrongly furnished world, because one gets to know language and finds communication unbearable. That's how I want to talk about art. Not apologetic. That is to say, I'm convinced, that nothing is more fragile than the aesthetic of reality.

Seite 297 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Seite 298 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Seite 300 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Seite 302 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Seite 304 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Seite 308 von Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Still aus Video "Beauty is not a crime", 2010

© Steffen Zillig

Screenshot aus der Facebook-Timeline von Marcel Bisevic

Cover der Kultur & Gespenster, Ausgabe 17, Frühling 2016

Foto: Kultur & Gespenster

Die Schläfer

Kultur & Gespenster01.06.2016

Der Plan steht. Unsere Skizze – eine ausgeschlafene Absage an Energy-Drinks und Post-Internet, eine Antithese zum nervösen Akzelerationismus. Und dann? Laufen plötzlich irgendwo die Nachrichten und es ist 2016. Essay von Marcel Bisevic und Steffen Zillig.

-

Im Frühjahr 2016 erschien in der Zeitschrift Kultur und & Gespenster (Ausgabe 17) der Aufsatz "Die Schläfer", in dem sich Marcel Bisevic und Steffen Zillig ihre an ihrem eigenen Beispiel die Verunsicherung beschreiben, die Kulturarbeiter angesichts der verdichteten Nachrichtenlage und politischen Ereignisse in den Jahren 2014/15/16 erfasst hat. Das Selbstbild als politischer Akteur in der Kompfortzone des Museumsbuchshops - es hat mächtig Risse bekommen.



Auszüge aus "Die Schläfer":

[...]

Wir sitzen also mit Zettel und Papier bei Kebab Salonu, bei Huang oder McDonalds – und dann das: Wir halten es keine 30 Minuten beim Thema. Jedes mal das Gleiche. Aufgekratzte Updates bei jedem Treffen, vor die sich immer mehr Ereignisse in den Horizont schieben und alles überschatten. Und sie werden die politisch-sozialen Koordinaten mit Sicherheit weitreichender verändern, als die konstatierte Erschöpfung und Schlaflosigkeit von ein paar kulturaffinen Smartphone-Opfern. Ja, jede Klage über die Permanenz eines neoliberalen Stand-by, jede Metapher, jedes Bild, jeder Versuch die Gegenwart zu abstrahieren – alles fühlt sich gerade falsch an. Alles was nicht konkret ist, irgendwie erbärmlich und nichtig. Wann hat sie eigentlich angefangen, diese beunruhigende Dichte von Ereignissen, die immer mehr Pathos und immer mehr Ausrufezeichen in die Nachrichten schwemmen?

[...]

Von Woody Allen kommt diese vielzitierte Szene, in der zwei Intellektuelle auf einer Party beim Smalltalk zusammenstehen. Der sagt so etwas wie: „Ich hab gerade einen Essay geschrieben gegen den Antisemitismus“, „Wie schön!“, erklärt der Andere, „Ich bevorzuge den Baseballschläger.“ So in etwa funktioniert sie, die Vorstellung des politischen Yin und Yang von uns mitteleuropäischen Museumsbuchshopbesuchern. Natürlich, sagten wir, im Zweifel würde man auch vom Baseballschläger Gebrauch machen, wenn ein neuer Faschismus vor der Tür stünde. Jeder pflegt doch seine kleinen Heldengeschichten, als man mal richtig Ärger mit ein paar Neonazis hatte oder irgendwie oder woanders Zivilcourage bewiesen hat – diese detailverliebten Selbstvergewisserungen, abends beim Bier. Eingerichtet haben wir uns trotzdem auf der Seite, die die Essays schreibt oder zumindest ein paar gewitzte Facebook-Postings und unterschätzte Themenausstellungen in besseren Projekträumen organisieren. Es ist einfach so dankbar: In der Kunst erscheinen die Widersprüche und Ungereimtheiten immer schon mitgedacht. Postmoderne ist vielleicht kompliziert, aber auch ungeheuer komfortabel.

Die einzig uns denkbare politische Haltung? Dagegen. Bloß nicht: dabei sein. Allenfalls, wenn ein paar Neonazis wieder in der Stadt marschieren wollen, erinnern wir uns mal dunkel an diesen Baseballschläger-Typen von der anderen Seite der Medaille und blockieren ein paar Straßenwege. Als Mitläufer, als Mitblockierer. Aber sonst badet man eigentlich durchweg in einem Gemisch aus Skepsis und Distinktion, bis einem noch die Anti-Gentrifizierungs-Demo in St. Pauli irgendwie verdächtig erscheint. Sind das nicht nur verkappte konservative Besitzwahrungsimpulse? Nein, ich will deine Open-Petition jetzt nicht unterschreiben! Und auf Realpolitik, oder schlimmer noch: Parteipolitik, haben wir – sorry – aus diversen richtigen und falschen Gründen erst recht keine Lust. Frag nicht.

[...]

Unser Leben im Museumsbuchshop – gemeint ist natürlich das ganze kulturelle Gebräu aus Künstlern, Pop-Hartzern, Magazinliebhabern, Gestaltern, Freizeitphilosophen, Bildungsbürgern und Taugenichtsen, das sich hier begegnet – ist vielleicht nicht die beste Vorbereitung auf die Unübersichtlichkeit und Dramatik der aktuellen politischen Situation. Es ist aber auch nicht die schlechteste. Es stimmt wohl: Die kulturelle Komfortzone ist eine, die zwar politisches Bewusstsein verlangt, aber kaum eine Positionierung in Form tatsächlicher politischer Handlungen. Baseballschläger gibt es hier allenfalls als ästhetisches Anschauungsmaterial. Der Wettstreit der theoretischen Positionen im Museumsbuchshop ist entkoppelt von den Depressionen der Realpolitik. Die derzeitige Situation verlangt mehr als das. Wir haben verstanden. Mehr braucht es jetzt aber auch von etwas, in dem wir Museumsbuchshopbesucher relativ gut geübt sind: eine Skepsis (ja, manchmal auch eine als Skepsis getarnte Distinktion) gegenüber dem großen Wir, das uns gerade wieder von überall her anschreit und Auswege verspricht. Dieses ungute Gefühl gegenüber grölenden Menschenmengen, ein gesunder Ekel gegenüber der einenden Stimme, gegenüber aufwiegelnden Komplexitätsreduktionen, gegenüber neuen Formen von digitaler Propaganda, einer apokalyptischen Rhetorik des Notstands sowie allem, was sich hinter dem deutschen Präfix „Volks-“ so auftut.

Wir alle sind Schläfer der Zivilisation. Alle zusammen, aber jeder für sich. Denn nicht zuletzt im Schlaf teilen wir eine Erfahrung, in der wir uns, „ob bewusst oder nicht, der Fürsorge anderer überlassen. So einsam und privat er erscheinen mag, ist er [der Schlaf] nicht abgetrennt von einem zwischenmenschlichen Gefüge des Vertrauens und Unterstützens, mögen auch viele dieser Bindungen noch so beschädigt sein.“ (wieder Crary) Die unerlässliche Mindestvoraussetzung von emanzipatorischer Politik ist der Erhalt der bereits erkämpften individuellen Rechte, also die Verteidigung einer Zivilisation, die jeden Einzelnen in seinem ganzen, je eigenen Beklopptsein ruhig schlafen lässt. Wenn Flüchtlingsheime brennen und der Populismus immer mehr Dummheit auf die Straßen schwemmt, ist diese Zivilisation unter Beschuss. Das ist der Riss.

[...]

Ausstellungsansicht von "Das Gute Alte und die Fotografie", Juni 2012 während des Künstlergesprächs

Foto: Daniel Niggemann

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Cover

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 2

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 4

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 6

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 8

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 10

Katalog zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Seite 12

Steffen Zillig: "Disk A-D (Crisis In The Kremlin)", Tintenstrahldruck, 40*40 cm, 2012

© Steffen Zillig

Matthias Wollgast: "Dodekaeder", Lumografie auf Barytpapier, 55*44 cm, 2012

© Matthias Wollgast

Andrzej Steinbach: "Ohne Titel"Tintenstrahldruck, 48*32 cm, aus der Serie "Even And Then Some", 2010

© Andrzej Steinbach

Fotografien aus der Sammlung von Friedrich Tietjen, je 8*8 cm, 1978

© Friedrich Tietjen

Ausstellungsansicht von "Das Gute Alte und die Fotografie", Juni 2012

Foto: Daniel Niggemann

Ausstellungsansicht von "Das Gute Alte und die Fotografie", Juni 2012

Foto: Daniel Niggemann

Flyermotiv zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Vorderseite

Flyermotiv zu "Das Gute Alte und die Fotografie", Rückseite

Copy & Past

Kunstraum D2123.06.2012

Unser Status Quo ist die Krise. Deshalb spielen wir so gerne mit den Versatzstücken von Jahrzehnten, in denen Veränderung möglich schien. Textbeitrag zur Ausstellung "Das Gute Alte & die Fotografie", Fotofolgen zu Gast im Kunstraum D21 in Leipzig im Rahmen des F/Stop Festivals 2012.

-

Unsere Gegenwart ist vernarrt in die Vergangenheit. Unablässig wird verklärt, geplündert und geremixed – bis auch der letzte Fluch zurückkehrt ins Hier und Jetzt: Pionierhalstücher, Tennissocken oder Hornbrillen. Die ästhetische Nostalgie ist eines der prägnantesten Merkmale unserer Zeit. Mit der Ausstellung "Das Gute Alte & Die Fotografie" gerät diese Retrobewegung in den Fokus eines Mediums, das Viele per se schon für nostalgisch halten: die Fotografie.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Daniel Niggemann und Steffen Zillig.

Teilnehmende Künstler waren: Sabine Dusend, Andrzej Steinbach, Alexander Rischer, Dagmar van Wersch, Absalom & Bardsley, Friedrich Tietjen und Steffen Zillig.

Zur Ausstellung erschien ein Katalog mit Texten von Friedrich Tietjen, Jennifer Allen und Steffen Zillig. Gestaltung: Benedikt Bock.

-

Auszüge aus "Copy & Past":

Wenn der Abend reich ist an guten Gesprächen, kann es leicht passieren, dass jemand den Rechner anwirft, um einen Soundtrack zur laufenden Debatte auszutüfteln. Bald wandert die offene Playlist dann die Zeitleiste zurück von „Weißt du noch?“ über „Kennst du schon?“ zum trommelwirbelnden „Du ahnst es nicht!“ Das Perlentauchen ist eine Praxis, die sich von staubigen Flohmärkten in die Gesellschaftszimmer unserer Zeit verlagert hat. In „Midnight in Paris“ lässt Woody Allen seinen Protagonisten per Mitternachtstaxi die fantastischen Vergangenheiten des nächtlichen Paris bereisen ­– unsere Taxis heißen Vimeo oder YouTube. Sie fahren uns an die entlegensten Orte der gefilmten Galaxis: 20. August 1983, Beverly Theatre Los Angeles, James Brown wird von Prince und dem jungen Michael Jackson auf der Bühne überrascht – Himmel! – im selben Jahr schneidet sich Rainald Goetz bei einer Lesung in Klagenfurt mit einer Rasierklinge in die Stirn – noch so ein Internetklassiker!

„The world is a home littered with pop-culture products and their emblems“, schreibt Schriftsteller Jonathan Lethem. Er sei mit den Parodien auf ihm unbekannte Originale in seiner Jugend regelrecht überschwemmt worden – „I knew Monkees before Beatles, Belmondo before Bogart, and remember the movie Summer of '42 from a Mad magazine satire, though I've still never seen the film itself.“1 Wir alle kennen diese umgekehrten Déjà-vu-Erfahrungen. Wir haben uns eingerichtet in einem Kosmos ohne Originale. Kulturprodukte sind Tentakel einer riesigen Verweiskrake – wer wüsste das besser als die Kunst? Ein Freund kam irgendwann auf die Idee wochenweise je nur Filme aus einem bestimmten Jahr zu schauen und hielt durch von The Wild Bunch, 1969, bis Dirty Dancing von 1989. Ein Versuch, dem eklektizistischen Aufgebot historischer Kulturproduktionen Einhalt zu gebieten, mit dem das digitalisierte Archiv heute aufwartet.

[...]

Ich erinnere mich an den ersten Besuch der Leipziger vor einigen Jahren in Hamburg. Andrzej Steinbach, Arne Schmitt und Andere waren in der Stadt, um eine Ausstellung zu machen. Alle hatten sie ihre Kameras um den Hals hängen und fotografierten zu unserem Befremden auch überall und ständig damit. Uns, die wir uns zuvor mit großer Geste vom Fotografieren selbst verabschiedet hatten, schien das nicht mehr in die Zeit, vielleicht auch nur nicht in den Kram zu passen. Jedenfalls fragte ich Andrzej, ob er nicht Angst habe, mit einer solchen klassischen Praxis der Bilderzeugung am Ende auch nicht weiter zu kommen, als Generationen von Fotografen vor ihm. Die ewiggleichen essayistisch-urbanen Bildgeschichten der Streetphotography – was sollte das noch über die Zeit erzählen? Andrzej reagierte gelassen. So oder so, meinte er, würden seine Bilder in dreißig Jahren von Bedeutung sein. Die Dinge würden nie mehr wieder sein wie jetzt – schon deshalb würden seine Bilder in Zukunft zu wertvollen Zeitdokumenten. Andrzej vertraute nicht nur der Fotografie, er vertraute auf die Geschichtlichkeit unserer Gegenwart. Wenn heute Millionen Nutzer der Fotoplattform instagr.am ihre Erinnerungen mit künstlichen Vergilbungseffekten versehen, scheinen sie nicht mehr auf die Historizität ihrer Gegenwart zu wetten. Sie besorgen sie selbst, umgehend und unter den Vorzeichen eines geborgten Optimismus. Das ist unsere Zeit! Sie hat keine Kraft ein eigenes Projekt zu formulieren, vertraut ihren eigenen Worten nicht – und sie hat Recht: es gibt nichts zu hoffen! – zugleich stehen ihr sämtliche ästhetischen Mittel optimistischerer Jahrzehnte zur Verfügung, Zuversicht zu simulieren.

[...]

Wissensvermittlung und Erinnerungskultur gehören eindeutig zu den Vorzügen unseres Mashup-Historismus. Problematisch wird es eben dort, wo ein nostalgisch gewendetes Repräsentationsmoment die Vintage- und Retrowellen antreibt. Dort wo wir es uns mit abgegriffenen Sicherheiten gemütlich machen wollen. Wie einst der Adel, der sich im klassischen Historismus ästhetisch in die voraufklärerischen „guten alten Zeiten“ flüchtete, scheint dann der heutige Restmittelstand die Augen vor den prekarisierten Gegebenheiten verschließen zu wollen. Das Buch meiner Vorgängergeneration beginnt mit einer Sequenz, in der Florian Illies im Alter von zwölf nach dem Bade („die Haare im Nacken sind noch ein wenig naß“) und einem „Schwarzbrot mit Nutella“ gemeinsam mit seinen Eltern Wetten das..? mit Frank Elstner schauen darf: „Niemals wieder hatte man in späteren Jahren solch ein sicheres Gefühl, zu einem bestimmten Zeitpunkt genau das Richtige zu tun.“1 Für die Generation Golf war dieser Moment der Idealzustand, den man sich innerlich bewahrte. „Die Suche nach einem Ziel hat sich erledigt. Veränderungen wird die Zukunft kaum bringen. Und deswegen kann man sich umso intensiver um die eigene, ganz persönliche Vergangenheit kümmern.“ Für solche ironisch-dekadente Privatnostalgie habe ich diese Leute immer ein bisschen verachtet. Vielleicht, weil die ästhetische Retrospektive unserer Generation dagegen ungleich verzweifelter erscheint. Wie sie sind wir Narzissten, die wissen, dass wir als solche nichts ändern werden. Richtig, Veränderungen wird die Zukunft nicht bringen. Aber unser Status Quo ist die Krise. Deshalb spielen wir so gerne mit den Versatzstücken von Jahrzehnten, in denen Veränderung möglich schien. Und die Gegenwart? Wir haben sie verpasst.

Plakatmotiv zur Ausstellung "Statusangst"

Gestaltung: Sebastian Kokus

Raumplan zur Ausstellung / Faltblatt (innen)

Rückseite des Faltblatts mit Text der Kuratoren

Ansicht der Ausstellung Statusangst mit Arbeiten von Yann-Vari Schubert, Chrsitiane Blattmann sowie Katja Aufleger udn SteffenZillig (v.l.n.r.)

Foto: Jens Franke

Katja Aufleger und Steffen Zillig: "Statusangst", Velours-Teppich, 2012

© Katja Aufleger und Steffen Zillig

Ansicht der Ausstellung Statusangst mit Arbeiten von Christiane Blattmann, Tilman Walther und Moritz Sänger, Johannes Bendzulla, Steffen Zillig und Ehsan Soheyli Rad (v.l.n.r.)

Foto: Jens Franke

Arbeit von Tilman Walther und Moritz Sänger

Foto: Jens Franke

Arbeit von Jens Franke

Foto: Jens Franke

Ansicht der Ausstellung Statusangst mit Arbeiten von Johannes Bendzulla, Jens Franke und Steffen Zillig (v.l.n.r.)

Foto: Jens Franke

Steffen Zillig: "Disk A-D (Crisis In The Kremlin)", Tintenstrahldruck, 40*40 cm, 2012

© Steffen Zillig

Arbeit von Katja Aufleger

Foto: Jens Franke

Statusangst

HFBK Hamburg04.06.2012

Wer wollte, durfte Europa schon 2012 beim Untergang zusehen. Dem Rest blieb auch nichts anderes übrig. Befehl von ganz unten. Freie Gruppenausstellung kuratiert von Katja Aufleger und Steffen Zillig.

-

"Statusangst" war eine Ausstellung in Raum 213 A/B der HFBK Hamburg. Teilnehmende Künstler waren: Katja Aufleger, Johannes Bendzulla, Christiane Blattmann, Jens Franke, Janina Krepart, Ehsan Sohelyli Rad, Moritz Sänger, Yann-Vari Schubert, Tilman Walther und Steffen Zillig.

-

Vorwort zur Ausstellung:

Es gibt immer die, die sagen, es habe keinen Sinn mehr. Viel zu verkorkst das Ganze und auf falschem Fundament gebaut. Es gibt immer die, die sich damit begnügen, an Stellschrauben zu drehen. Die von Krisengipfel zu Krisengipfel jagen, immer die Stimmen derjenigen im Nacken, die vom Neubau träumen. Man hat uns ein ziemlich wackliges Gerüst hinterlassen. Seit geraumer Zeit schon prüfen wir die Baustoffe, befragen ihre Dispositionen und Möglichkeiten im Raum. Aber wie wir es auch wenden, eine Geschichte mag uns nicht mehr einfallen zu diesem Gebäude. Und weil sich alles ändert und nichts überzeugt, verharren wir im Konjunktiv, genießen die Krise und gruseln uns vor dem schleichenden Untergang.

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 94

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 96

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 98

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 100

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 102

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 104

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 106

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 108

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 112

Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011, Seite 114

Cover der Texte zur Kunst, Heft 83, 9/2011

Vom Citoyen zur Celebrity

Texte zur Kunst01.09.2011

Die Finanzökonomie führt die protestantische Tugend "nüchterner Selbstbeherrschung und Mäßigkeit" ad absurdum, das Renditeversprechen der Lifstyle- und Celebrity-Kultur die bürgerlich-ästhetische Ambition. Weitreichender als in anderen Kulturfeldern hat sich diese Entwicklung im Bereich der zeitgenössischen Kunst Bahn gebrochen. Artikel zum neuen Typus des öffentlichen Privatsammlers in der Zeitschrift Texte zur Kunst.

-

Der Artikel "Das Bild des Sammlers - Vom Citoyen zur Celebrity" erschien im Heft 83 im September 2011 in der Zeitschrift Texte Zur Kunst. In derselben Zeitschrift erschienen außerdem: "Mit/Gefühl" (Ausgabe 87, 2012), "Deutsches Vitrinenglas" (Ausgabe 102, 2016) und der Artikel "Not in proper terms" (online, 2015) unter dem Namen von Annika Bender (gemeinsam mit Dominic Osterried).

-

Auszug aus "Das Bild des Sammlers - Vom Citoyen zur Celebrity":

Nach der letzten Bundestagswahl im September 2009 schien sich in einer Ausgabe der Zeitschrift „Cicero“ der ganze Druck aufgestauter bourgeoiser Sehnsüchte zu entladen. Norbert Bolz bejubelte den Erfolg von CDU und FDP als das „erfreulichste politische Ereignis seit dem Fall der Mauer“, Peter Sloterdijk beschwor den anstehenden „Aufbruch der Leistungsträger“ und Steffen Burkhardt erkannte gar einen neuen „German Zeitgeist“ im „Amalgam aus global agierenden Leistungsträgern, nationalen Bildungseliten und engagierten Bürgern“. Burkhardts Hymne auf das „schwarz-gelbe Lebensgefühl“ flankierten sechs Fotografien aus dem damals gerade veröffentlichten Bildband „Berlin Now“. Den Anfang machte ein doppelseitiges Porträt des damaligen Verteidigungsministers im ehemaligen Treptower Spreepark. Seinen Blick ins Weite gerichtet posiert Karl-Theodor zu Guttenberg auf der daniederliegenden Attrappe eines Tyrannosaurus, rechts daneben kniet zu ihm aufschauend Ehefrau Stephanie (Bildunterschrift: „Stolzer Ritter, holdes Weib“). Auf der nächsten Seite gestattet das Galeristenpaar Nicole Hackert und Bruno Brunnet, Einblick ins „Herrenzimmer“ ihrer Villa in Berlin-Zehlendorf; beide rahmen ein Gruppenbild mit Kindern und den Künstlern Brandenburg und Meese. Es folgen der Fotograf Max von Gumppenberg mit Familie, der Maler Norbert Bisky im Atelier, Andreas Slominski auf einem Empfang in der italienischen Botschaft („Diskreter Smalltalk, starkes Netzwerk“), schließlich Christian Boros und Karen Lohmann im Penthouse über ihrem „Kunstbunker“ in der Berliner Reinhardtstraße („Edle Kühle, bunte Kunst“). Wie in diesem Beispiel waren es vielfach Künstler, Galeristen und Sammler, die Pate standen für den Siegeszug einer Neuen Bürgerlichkeit.

[...]

Denn im Unterschied zur heute apostrophierten Neuen Bürgerlichkeit, nimmt sich das im 19. Jahrhundert, in der Hochzeit bürgerlicher Gesellschaftskultur dominierende Ideal des Citoyens nunmehr aus, wie die Charakterisierung des gemeinen Spießbürgers: sparsame Lebensführung, Pflichtbewusstsein, moralische Disziplin, „Hemmung der Gemütsbewegungen“ (Spinoza) und emphatisches Bildungsverständnis.1 Gegenwärtige Modelle und Referenztugenden neubürgerlicher Repräsentation erlauben dynamischere und weniger asketische Profile. Mit diesen hat sich auch das Selbstverständnis und Geltungsbedürfnis vieler Sammler aktualisiert und ausdifferenziert.

[...]

Der Konjunktur von öffentlichem Sammeln geht eine imposante Verschiebung im Wechselkurs zwischen kulturellem und ökonomischem Kapital voraus. Sie äußert sich weniger in der ökonomischen Überbewertung künstlerischer Arbeiten im Sinne einer „Kunstblase“, sondern im Gegenteil vor allem darin, wie reibungslos sich heute der relativ geringe Einsatz ökonomischen Kapitals in üppige Summen symbolischen und kulturellen Kapitals konvertieren lässt.

[...]

Mit ihrer Bereitschaft zu weitreichender Vernetzung, zu öffentlicher Geltung und konsequenter Selbstvermarktung stellen viele Sammler sich einer umfassenderen sozialökonomischen Entwicklung. Deren schlüssigsten Diagnosen mögen verschieden akzentuieren, im Anachronismus bürgerlicher Weltanschauung kommen sie sämtlich überein. Die Finanzökonomie führt die protestantische Tugend „nüchterner Selbstbeherrschung und Mäßigkeit“ (Max Weber) ad absurdum, das Renditeversprechen der Lifstyle- und Celebrity-Kultur die bürgerlich-ästhetische Ambition. Weitreichender als in anderen Kulturfeldern hat sich diese Entwicklung im Bereich der zeitgenössischen Kunst Bahn gebrochen, wo man von jeher weniger „Ressentiment gegenüber der materiellen Sphäre“ hegte, dessen Milton Friedman Künstler und Intellektuelle noch verdächtigte. Es nimmt nicht Wunder, dass vor wenigen Jahren eine ökonomische Elite im Gewand der Neuen Bürgerlichkeit ausgerechnet die zeitgenössische Kunst zu ihrem Leitmedium erhob. Auf deren Spielbrett verfügt die öffentliche Figur des Kunstsammlers heute über einzigartige Anlagen zur effizienten Transformation ökonomischen Kapitals in kulturelles Prestige, Access und Prominenz. Je nachlässiger man aber von Oben den Schein kultureller und bildungsbürgerlicher Noblesse zu wahren sucht, umso weniger täuscht darüber hinweg, dass das zugrundeliegende Kulturverständnis längst anderen Spielregeln folgt. Vom emanzipativen Bildungsmotiv der Mittelschicht, das sich mit einer Wendung von Boris Groys in dem schlichten Anspruch wiederfindet, „in einem Café zu sitzen und Proust zu lesen“, hat man sich weitgehend distanziert. Insofern ist die wiedergewonnene Nonchalance im Umgang mit kulturellem Prestige und repräsentativer Praxis auch weniger bürgerlich als neoaristokratisch.

Kontakt
Website

mail@steffenzillig.de

Max Prediger
Dominic Osterried